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Numero 2165
Ausgabe vom Dienstag, den 25. April 2017

Was ist eigentlich Steampunk?

Von Professor Xanathon

Ich ver­mute, dass das die Frage ist, die sich manch einer stel­len wird, der über diese Seite stol­pert – dar­un­ter viel­leicht auch Leser und Auto­ren, die bis­lang keine Berüh­rung mit die­sem Thema hat­ten. Die Erklä­rung ist nicht ganz ein­fach, ins­be­son­dere des­we­gen, weil man von fünf Anhän­gern des Gen­res wahr­schein­lich acht unter­schied­li­che Ant­wor­ten dazu bekommt. Das macht eine Defi­ni­tion die auch Außen­ste­hende zufrie­den stellt nach­voll­zieh­ba­rer­weise nicht ein­fa­cher. Ich weise an die­ser Stelle dar­auf hin, dass alle nach­fol­gen­den Aus­sa­gen meine Ein­stel­lung und Mei­nung wie­der­spie­geln und diese selbst­ver­ständ­lich nicht die des Lesers oder der Lese­rin sein muss. Wie ich schon im Inter­view mit dem Zau­ber­spie­gel schrieb: „wer bin ich schon, dass ich mir anma­ßen könnte das Genre zu defi­nie­ren?“. :o)
Aus die­sem Grund gebe ich an die­ser Stelle Hin­weise und merke an: umfas­send kann die Erklä­rung nicht sein – das soll sie auch nicht – und Abwei­chun­gen von mei­ner Ansicht sind nicht nur erlaubt, son­dern erwünscht.

Da es hier um ein Lite­ra­tur­pro­jekt geht, werde ich mich dem Thema von die­ser Seite nähern – ich möchte aber vorab deut­lich dar­auf hin­wei­sen, dass sich das Genre in der heu­ti­gen Form erfreu­li­cher­weise einer exak­ten Defi­ni­tion ent­zieht und – so meine ich zumin­dest erkannt zu haben – ein Groß­teil der Anhän­ger genau diese feh­lende Ein­engung als über­aus erfri­schend emp­fin­det. Wenn also immer wie­der gefragt wird, wo denn der Punk im Steam­punk ist, dann lau­tet eine der Ant­wor­ten: lass´ mich mit Dei­nem Schub­la­den­den­ken in Ruhe! :o)

Doch zurück zur Lite­ra­tur bezie­hungs­weise zum Hin­ter­grund oder viel­leicht „Set­ting“ wie es auf Neu­deut­sch heißt. Es geht um Par­al­lel­welt­ge­schich­ten. Grund­sätz­lich würde ich das Ganze zur vik­to­ria­ni­schen Zeit ver­or­ten wol­len, also sagen wir mal grob im Zeit­raum 1840 bis 1900. Das ist natür­lich zum einen nur ein Anhalts­punkt, zum ande­ren gibt es die Mög­lich­keit, dass sich das vik­to­ria­ni­sche Zeit­al­ter – oder des­sen Stil und Kolo­rit – auf­grund von Gescheh­nis­sen und Erfin­dun­gen in Steam­punk-Uni­ver­sen wei­test­ge­hend bis in die heu­tige Zeit oder in die Zukunft erhal­ten hat.

Immer wie­der lese ich die Aus­sage „ohne Dampf ist es für mich kein Steam­punk“. Diese halte ich für grund­le­gend fal­sch. Der Begriff an sich rührt daher, dass die Vor­lage in der rea­len Welt in die Zeit der Indus­tria­li­sie­rung ange­sie­delt ist, in der die Dampf­ma­schine einen maß­geb­li­chen Anteil an der Ver­än­de­rung der Welt hatte. Nun kann es sein, dass Dampf­ma­schi­nen eine zen­trale Rolle in einer Steam­punk-Geschichte oder dem zuge­hö­ri­gen Uni­ver­sum spie­len, aber ein Zwang ist das kei­nes­falls – denn genauso gut kön­nen es andere Erfin­dun­gen sein, die in der rea­len Welt nie gemacht wur­den und die zur Ent­wick­lung einer par­al­le­len Zeit­li­nie füh­ren. Bei­spiele hier­für wären von Uhr­wer­ken ange­trie­bene Robo­ter (ver­glei­che Clock­punk, ein Sub­genre des Sub­gen­res, aller­dings sehe ich da schon wie­der die Auf­tei­lung in mikro-Schub­la­den, des­we­gen erwähne ich das nur am Rande), leis­tungs­fä­hige mecha­ni­sche Rechen­ma­chi­nen, Aether­pro­pel­ler, die die Kolo­ni­al­mächte auf Pla­ne­ten des Son­nen­sys­tems tra­gen, Naph­tha-getrie­bene Kut­schen oder Kon­strukte, die durch ein mys­t­er­lö­ses „Plasma“ befeu­ert wer­den und die über nahezu uner­schöpf­li­che Ener­gie­re­ser­ven ver­fü­gen.

Neben zeit­li­chem und tech­ni­schem Rah­men nimmt die Ästhe­tik einen zen­tra­len Punkt beim Steam­punk ein. Das Aus­se­hen von bei­spiels­weise Tech­nik und Mode ist eben­falls grob am oben genann­ten vik­to­ria­ni­schen Rah­men ange­lehnt, wobei selbst­ver­ständ­lich auch hier Varia­tio­nen nicht nur mög­lich son­dern fast zwin­gend sind. Ein gutes Bei­spiel ist Cap­tain Nemos U-Boot NAUTILUS aus dem Dis­ney-Film „20000 Mei­len unter dem Meer“. Die ist zwar ein tech­ni­sches Meis­ter­werk und allen ande­ren Fahr­zeu­gen ihrer Zeit weit vor­aus, weist aber im Design exakt dar­auf hin, in wel­cher Epo­che sie ent­stan­den ist, und zeigt Ver­zie­run­gen und Schnör­kel, die sie im Gegen­satz zu den Kriegs­schif­fen der Zeit ein­zig­ar­tig aus­se­hen las­sen. Übri­gens sah die Nau­ti­lus in einer Illus­tra­tion des Ori­gi­nal­bu­ches von Verne eher so aus, wie ein heu­ti­ges, moder­nes U-Boot (siehe rechts), aber das nur am Rande. :)

Eben­falls immer wie­der zen­tral bei Steam­punk: Sitte und Eti­kette des vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ters. Selbst­ver­ständ­lich reden wir hier in aller Regel über eine idea­li­sierte und roman­ti­sierte Sicht jener Zeit, aber das ist mit Sicher­heit auch ein Grund für die Attrak­ti­vi­tät des Gen­res. Wir bekom­men es mit kul­ti­vier­ten Ladies und Gen­tle­men zu tun, aber ebenso mög­lich sind Mit­glie­der der soge­nann­ten Unter­schicht, seien es nun Hei­zer der dampf­ge­trie­be­nen Land­le­via­thane oder die Aether­män­ner, die auf Solar­seg­lern durchs Son­nen­sys­tem rei­sen.
Mög­lich sind übri­gens sowohl Uto­pien wie auch Dys­to­pien, wobei es nach mei­nen Erfah­run­gen gern eher mal in Rich­tung Dys­to­pie geht (weil dann die Hel­den hel­den­haf­ter sein kön­nen). Es geht geht bei­des und alles dazwi­schen. Hier kann auch wie­der der Punk ins Spiel kom­men, näm­lich Quer­den­ker, die sich den gestren­gen Sit­ten der Zeit wider­set­zen, oder gegen alle Wider­stände der eta­blier­ten Wis­sen­schaft eine tech­ni­sche Inno­va­tion ent­wi­ckeln, die die Gesell­schaft für immer ver­än­dern wird. Frauen in klas­si­schen Män­ner­be­ru­fen. Aus­bre­cher aus Stan­des- oder Nati­ons­dün­kel. Und vie­les mehr. Mei­ner Ansicht nach rührt der Begriff „Punk“ im Steam­punk auch daher, dass man eine bekannte His­to­rie und bekannte Hin­ter­gründe nimmt und sie mit nie Gewe­se­nem und Phan­tas­ti­schem anrei­chert, um ein neues Gan­zes zu schaf­fen (und weil K. W. Jeter damals in den frü­hen 80ern einen grif­fi­gen Namen für sein neues Genre brauchte und sich dabei am damals eben­falls gerade fri­schen Cyber­punk ori­en­tierte… :o).

Eben­falls gern Teil von Genre-Erzäh­lun­gen sind Mys­tik, Okkul­tes und Magie. Ent­we­der ganz offen in die Gesell­schaft inte­griert oder als zusätz­li­ches Span­nungs­ele­ment in Erschei­nung tre­tend. Man bekommt es in der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur bei­spiels­weise auch mal mit auf­er­stan­de­nen Mumien, sinis­t­ren Magie­nut­zern oder uralten bösen Göt­tern zu tun. Ob der Autor sol­che Ele­mente in sei­nen Geschich­ten nutzt, ist allein ihm über­las­sen und wie er sein Uni­ver­sum ange­legt hat – erlaubt ist, was gefällt und „alles wird bes­ser mit Zom­bies!“ :o)

Auf der Seite zum Steam­punk-Comic „Girl Genius“ von Phil Foglio heißt es pas­send:

Adven­ture, Romance, MAD SCIENCE! 1)

Eine Nähe zu Penny Dread­fuls und Pulps ist selbst­ver­ständ­lich beab­sich­tigt und erlaubt. Und da es diese Nähe zur Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur des 19. und frü­hen 20 Jahr­hun­derts frag­los gibt, wei­gere ich mich auch nach­drück­lich, nur angeb­lich „Anspruchs­vol­les“ zu ver­öf­fent­li­chen. Das Genre hat seine Wur­zeln eben auch und gerade in der Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, wenn das gewis­sen Kul­tur­ch­au­vi­nis­ten nicht passt, dann sei diese Mei­nung ihnen unbe­nom­men, sie sol­len aber bitte etwas ande­res lesen!

Klei­ner Ein­schub: Steam­fan­tasy. Im Gegen­satz zum Steam­punk ver­orte ich Steam­fan­tasy nicht in einem semi-his­to­ri­schen irdi­schen Hin­ter­grund, son­dern eben auf erfun­de­nen Fan­tasy-Wel­ten, die kei­nen direk­ten Bezug zur Geschichte der Erde auf­wei­sen. Ob die Prot­ago­nis­ten dann Men­schen, Zwerge oder Elfen sind (oder alle davon), ist erst ein­mal zweit­ran­gig. Wie bei­spiels­weise „Castle Fal­ken­stein“ aber zeigt, sind umge­kehrt Fabel­we­sen wie Zwerge, Elben oder Sidhe im Steam­punk einer par­al­le­len Erde eben­falls mög­lich – des­we­gen sind auch hier die Gren­zen flie­ßend.

Bei Hard­core-Anhän­gern des SF-Gen­res lese ich immer wie­der, dass Steam­punk doch keine Sci­ence Fic­tion sei, son­dern Fan­tasy. Und es wird im Detail aus­de­fi­niert und (zum Teil hane­bü­chen begrün­det), was zum SF-Genre gehö­ren könnte und was nicht. Meine Ant­wort dar­auf: dis­ku­tiert ihr ruhig, mir doch egal und völ­lig unwich­tig! Viel wich­ti­ger als eine kon­krete Defi­ni­tion von Steam­punk und damit eine Ein­engung des Gen­res und ins­be­son­dere der Mög­lich­kei­ten ist es mir, wenn krea­tiv mit Rah­men­be­din­gun­gen umge­gan­gen wird und dabei inter­es­sante, kurz­wei­lige und inno­va­tive Werke ent­ste­hen. Tot­de­fi­nie­ren ist kon­tra­pro­duk­tiv und tötet die Krea­ti­vi­tät – das braucht kei­ner! Zudem ist Steam­punk längst nicht mehr nur ein Lite­ra­tur­genre und die aktu­elle Bewe­gung grün­det sich auch und viel­leicht sogar vor­ran­gig im Maker-Move­ment statt nur in der Lite­ra­tur, wei­tere Punkte sind Spaß am Rol­len­spiel und Gesel­lig­keit. Wer das Genre also aus­schließ­lich aus dem lite­ra­ri­schen Blick­win­kel betrach­tet, schließt maß­geb­li­che Aspekte völ­lig aus. Aber das nur am Rande, man ver­gebe mir die kleine Exkur­sion.

Ich möchte diese Betrach­tung des Gen­res Steam­punk und die expli­zit ver­wei­gerte kon­krete Defi­ni­tion an die­ser Stelle beschlie­ßen und die Leser bit­ten, ihre Anmer­kun­gen und anders­lau­ten­den Mei­nun­gen gern hier als Kom­men­tar zu hin­ter­las­sen oder bei Unklar­hei­ten Fra­gen zu stel­len. Wie ich Ein­gangs schrieb: das sind nur meine Ideen zum Thema, keine Natur­ge­setze!

es ver­bleibt,
hoch­ach­tungs­voll,

Professor X

 

p.s.: eine aus­führ­li­chere Betrach­tung der Steam­punk-Bewe­gung an sich – also nicht auf Lite­ra­ri­sches beschränkt – fin­det sich beim Clock­wor­ker

p.p.s.: Bei der Aus­wahl der Geschich­ten, die es letzt­lich in die STEAMPUNK-CHRONIKEN schaf­fen wird, halte ich es mit mei­nen Wor­ten oben und setze keine stren­gen Regeln, um die Krea­ti­vi­tät nicht ein­zu­schrän­ken (über­rascht mich!). Es wäre aber schon ange­bracht, wenn es Ver­satz­stü­cke aus den soeben genann­ten Punk­ten zumin­dest ansatz­weise in die Sto­ries schaf­fen könn­ten. Nach dem, was ich bis­lang an Geschich­ten oder Frag­men­ten erhal­ten habe mache ich mir da aber ehr­lich gesagt gar keine Sor­gen. :)

 

Bild 1: Steam­punk-Appa­ra­tur, Foto von Robin Ste­vens, CC-Lizenz
Bild 2: Nau­ti­lus, Neu­ville 1868, aus 20000 LEAGUES UNDER THE SEA, gemein­frei

1) Zitat gna­den­los geklaut beim Clock­wor­ker [zurück zur Fuß­note]

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2 Kommentare

  1. Ich bin auch nicht so der Schub­la­den-Typ und kann mich die­ser Sicht­weise nur anschlie­ßen. Vor einem Jahr wusste ich noch nicht mal, dass es einen Begriff wie Steam­punk über­haupt gibt. Ich denke, dass gerade die alles andere als strenge Defi­ni­tion die­ses „Irgend­was“ es ist wel­che die ver­schie­dens­ten Leute anzieht und ihren Platz in die­sem Genre fin­den lässt.
    Steam­punk ist wie ein Rah­men in den man sein eige­nes Bild malen kann. Man­che Leute pin­seln sogar den Rah­men sel­ber und dar­über hin­aus.

  2. […] Besu­chern die­ser Seite geläu­fig sein, es sei aller­dings noch ein­mal auf meine kurze Ein­füh­rung und Erläu­te­rung […]

  3. Marlen sagt:

    Also ich “ benutze Steam­punk “ um mich künstlerisch(geistig) voll zu ent­fal­ten und auch da ist alles möglich….wirklich nichts ist unmög­lich ! Papier, Kar­ton, Klei­dung, Gegen­stände aller Art, ob aus Glas, Metall, Holz usw…….usw. uner­schöpf­lich !

3 Trackbacks

  1. Von Steampunk? Gaslicht? am 3. Juli 2012 um 15:24 Uhr veröffentlicht

    […] Besu­chern die­ser Seite geläu­fig sein, es sei aller­dings noch ein­mal auf meine kurze Ein­füh­rung und Erläu­te­rung […]

  2. Von Faszination Dampfkraft: Was ist Steampunk? | Nina C. Hasse am 2. Oktober 2013 um 18:09 Uhr veröffentlicht

    […] * Die Steam­punk-Chro­ni­ken […]

  3. Von Was ist Steampunk | Kreativ-Höhle am 29. Juni 2014 um 18:16 Uhr veröffentlicht

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