40 Pfennig
Numero 2341
Ausgabe vom Mittwoch, den 18. Oktober 2017

Leseprobe: »Das Herz, der Schlund und das Blut« von Tedine Sanss

Von Professor Xanathon

Extra­blatt!« Der klei­ne, aben­teu­er­li­ch ver­dreck­te Zei­tungs­jun­ge, dem die Schirm­müt­ze immer wie­der auf die Nase rutsch­te, schwenk­te die Times hoch durch die Luft.
»Extra­blatt! Die King Charles greift erneut nach dem pur­pur­nen Band! King Charles läuft heu­te noch zum Gany­med aus! Extra … Dan­ke, Sir!« Er nahm den Schil­ling und kram­te mit der ande­ren Hand in sei­ner Umhän­ge­ta­sche, um das Wech­sel­geld her­aus­zu­ge­ben.

 »Es stimmt so, mein Sohn.« Alger­non Hol­land hat­te gute Lau­ne. »Kauf dir einen Becher Bier dafür und trink ihn auf mein Wohl. Von mir wer­den dei­ne Leser erfah­ren, ob die King Charles tat­säch­li­ch in der Lage ist, den Geschwin­dig­keits­re­kord zu bre­chen.«
Der Jun­ge mach­te gro­ße Augen und hob salu­tie­rend zwei Fin­ger an die Müt­ze, die dadurch erneut abstürz­te.
»Dan­ke, Mis­ter Hol­land, Sir! Wenn Sie erlau­ben, neh­me ich statt des Biers einen Krug Milch für mei­ne klei­ne Schwes­ter, Sir. Sie sind mein gro­ßes Vor­bild. Ich will zur Zei­tung gehen und Rei­sen machen und Berich­te dar­über schrei­ben wie Sie.«
Lachend zog Alger­non die Schirm­müt­ze des Jun­gen wie­der gera­de und klopf­te ihm auf die Schul­ter. »Wenn ich wie­der zurück bin, dann mel­de dich doch bei der Dai­ly. Mal sehen, ob ich etwas für dich tun kann. Und hier hast du noch ein paar Pen­ce. Kauf dei­ner klei­nen Schwes­ter auch ein Püpp­chen.«
»Ja, Mis­ter Hol­land, Sir, dan­ke, Sir. Extra­blatt!«

Alger­non ging wei­ter und mus­ter­te nach­denk­li­ch sei­ne Hand. Ob der Jun­ge Läu­se hat­te? Er mus­s­te sich bei der nächs­ten Gele­gen­heit waschen und sein Hemd wech­seln. Creme­far­be­ne Sei­de war so emp­find­li­ch, und der Staub in den Hafen­gas­sen schien bei­na­he magne­ti­sch davon ange­zo­gen zu wer­den.

Seit zwei Jahr­zehn­ten hat­te er nun schon die lukra­ti­ve Auf­ga­be, auf den schnells­ten und luxu­riö­ses­ten Æther­klip­pern die Stre­cke zum Gany­med und zurück zu befah­ren. Jede ent­ge­gen­kom­men­den Han­dels­scha­lup­pe nahm einen sei­ner Berich­te mit, die von sei­nen Gesprä­chen mit den Gäs­ten im Rau­cher­sa­lon han­del­ten, sei­nen Beob­ach­tun­gen auf den Kapi­täns­bäl­len und sei­nen Beschrei­bun­gen der fei­nen Gesell­schaft und ihrer Lebens­wei­se auf der Erde und dem erd­ähn­lichs­ten der Jupi­ter­mon­de, dem Gany­med. Regel­mä­ßig lie­fer­te er sei­nen Lesern dabei eine Fül­le von mytho­lo­gi­schen Anspie­lun­gen und die ätzen­den Bon­mots und klu­gen Sen­ten­zen, für die er berühmt war. Mit Genug­tu­ung hat­te er ver­nom­men, dass sei­ne Art zu schrei­ben in Mode gekom­men war und als »Hol­lan­dis­mus« bezeich­net wur­de. Wei­ter konn­te man es wohl nicht brin­gen.

Die Zei­tung unter den Arm geklemmt, wo sie ver­mut­li­ch Dru­cker­schwär­ze­fle­cken hin­ter­ließ und das Hemd voll­ends rui­nier­te, schritt er beschwingt zum Kai.

Die King Charles war zu groß, um am Steg zu ankern. Sie lag ein Stück wei­ter drau­ßen im Hafen­be­cken. Als Alger­non zu ihr hin­aus schau­te, sträub­ten sich wie immer sei­ne Nacken­haa­re. Sie war so rie­sig. Selbst jetzt, da ihre Segel gerefft waren und die Mas­ten kahl in den Him­mel rag­ten wie das Ske­lett eines Gigan­ten – er zog sein berühm­tes blau­es Heft her­vor und notier­te die Wen­dung – ver­mit­tel­te sie den Ein­druck über­wäl­ti­gen­der Grö­ße. Ihr kup­fer­be­schla­ge­ner Rumpf gleiß­te in der Son­ne, er schien das Licht bei­na­he aus­zu­strah­len, anstatt es nur zu reflek­tie­ren. Wie ein leben­di­ges, geschmei­di­ges Was­ser­we­sen schau­kel­te sie unge­dul­dig auf den Wel­len, von den schwe­ren Anker­ket­ten nur müh­sam gehal­ten. Der Kes­sel, der das Schau­fel­rad am Heck antrieb, war schon vor­ge­heizt, und aus dem schma­len Schorn­stein zwi­schen Haupt­mast und Besan­mast kräu­sel­te sich Rauch. Klei­ne Boo­te umkreis­ten sie wie Mon­de einen Pla­ne­ten, sie lie­fer­ten Was­ser­fäs­ser, Trö­ge mit dem ent­setz­li­chen gepö­kel­ten Flei­sch, das die Æther­män­ner als Haupt­nah­rungs­mit­tel zu betrach­ten schie­nen, Bal­len mit Segel­tuch, leben­de Kühe, Schwei­ne, Zie­gen und Hüh­ner, die muhend, grun­zend, blö­kend und gackernd auf den wack­li­gen Plan­ken an Bord balan­cier­ten und eilig unter Deck geschafft wur­den, sowie eine Fül­le wei­te­rer Waren in Fäs­sern, Kör­ben, Tra­gen, Säcken und Kis­ten. Es erschien ihm unglaub­wür­dig, wie der Æther­klip­per dies alles in sich hin­ein­fraß und doch so schlank blieb – ihm gelang so etwas nicht.
Erneut zück­te er das blaue Heft, in dem er alle Hol­lan­dis­men fest­hielt. Dann wink­te er einem der Boots­leu­te und diri­gier­te sei­ne eige­ne Habe, die Kof­fer, Schach­teln, Taschen und schließ­li­ch sich selbst an Bord.

Der Start, so auf­re­gend er für die Æther­män­ner und Schau­lus­ti­gen am Kai auch war, wur­de von den Gäs­ten der Ers­te-Klas­se-Kabi­nen tra­di­tio­nell igno­riert. Sie wuss­ten, dass auf dem Klip­per unter lau­ten Rufen die Segel gesetzt und die Anker gelich­tet wur­den, dass der fau­chen­de Kes­sel das Schau­fel­rad in Bewe­gung brach­te, ohne des­sen zusätz­li­che Ener­gie auch der präch­tigs­te Klip­per die Atmo­sphä­re nicht hät­te über­win­den kön­nen. Sie bemerk­ten auch, dass das schlan­ke Gefährt immer schnel­le­re Fahrt auf­nahm und dann, tech­ni­sch zwar begründ­bar, aber für sie als Lai­en bei­na­he wie Zau­be­rei, in den Him­mel auf­stieg, durch die Wol­ken­de­cke stieß, immer noch beschleu­nig­te und sich schließ­li­ch in den Æther auf­mach­te. Das war durch­aus spek­ta­ku­lär, aber mit offe­nem Maul zu stau­nen schick­te sich nicht, und gescheit klin­gen­de Kom­men­ta­re trau­ten sie sich klu­ger­wei­se nicht zu. Sie blie­ben also, wo sie waren, schi­ka­nier­ten die Die­ner, ver­wen­de­ten eine unglaub­li­che Zeit auf die Wahl des rich­ti­gen Anzugs oder lie­ßen sich von der Zofe zum  zehn­ten Mal das Haar hoch­ste­cken. Dana­ch schrit­ten sie zum Din­n­er­saal. Erst dort, inmit­ten ihres­glei­chen, fühl­ten sie sich wie­der behag­li­ch.

Alger­non hat­te das creme­far­be­ne Sei­den­hemd gegen ein schnee­wei­ßes aus­ge­tauscht und dazu einen Smo­king ange­zo­gen, dezent und zurück­hal­tend für den ers­ten Abend, wie er befand. Dann war er raschen Schrit­tes in den Saal geeilt und hat­te sich in einer Ecke plat­ziert, um die übri­gen Gäs­te beim Ein­tre­ten beob­ach­ten zu kön­nen.
Vor­läu­fig waren es nur sechs Stüh­le, die um einen Tisch auf­ge­stellt waren. Die wei­te­ren Gäs­te der ers­ten Klas­se wür­den erst bei der Zwi­schen­lan­dung im Mond­ha­fen zustei­gen.

Die ers­te die her­ein­kam, offen­sicht­li­ch von Hun­ger getrie­ben, war die hage­re Baro­nin Hohen­schön. Alger­non war ihr trotz all  sei­ner zahl­lo­sen Rei­sen ent­ge­gen aller Wahr­schein­lich­keit noch nie­mals per­sön­li­ch begeg­net, aber die Geschich­ten über sie kann­te er gut. Von Jahr zu Jahr lie­fen neben den offi­zi­el­len Wet­ten auf die Geschwin­dig­keit der Æther­klip­per auch Neben­wet­ten dar­auf, ob die Baro­nin die­ses Mal wie­der leben­dig ihr Ziel errei­chen, oder auf hal­ber Stre­cke zu Staub zer­fal­len wür­de. Bis­her hat­te noch immer die­je­ni­gen gewon­nen, die dar­auf setz­ten, dass die Dame viel zu gut in Gin kon­ser­viert sei, um jemals zu modern.
In der lin­ken Hand hielt sie einen Fächer, in der Arm­beu­ge balan­cier­te sie einen win­zi­gen Hund, der über den Spit­zen­be­satz des Ärmels hin­weg die Zäh­ne bleck­te, und mit der Rech­ten stütz­te sie sich schwer auf eine blut­jun­ge Gesell­schaf­te­rin. Die­se wur­de von Jahr zu Jahr ersetzt, und ein beson­ders bis­si­ges Gerücht besag­te, die Baro­nin sau­ge die Lebens­kraft ihrer Gesell­schaf­te­rin­nen aus und hal­te sich nur dadurch am Leben. Natür­li­ch war das Unfug. Sie saug­te dar­über hin­aus eini­ge Nich­ten und Groß­nich­ten aus, bei denen sie sich zwi­schen ihren Rei­sen ein­quar­tier­te, des wei­te­ren eine Rei­he von Anwalts­bü­ros, die die Ver­mö­gen ihrer diver­sen ver­stor­be­nen Ehe­män­ner ver­wal­te­ten, und schließ­li­ch noch den Ver­stand eines jeden, der sich mit ihr auf ein Rede­du­ell ein­ließ.
Alger­non lächel­te. Er war sicher, dass die Baro­nin auf die­ser Fahrt in ihm ihren Meis­ter fin­den wür­de.

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5 Kommentare

  1. Andreas sagt:

    Eine herr­li­che Atmo­sphä­re die einem beim lesen ver­mit­telt wird.

  2. tedine sagt:

    Vie­len Dank!

  3. Faldrian sagt:

    Hal­lo :)

    Ich habe die Geschich­te kom­plett im Buch durch­ge­le­sen und hab es sehr genos­sen!
    Ich wür­de ger­ne Kon­takt zur Auto­rin auf­neh­men, fin­de aber nach eini­gem Suchen gar kei­ne Infor­ma­tio­nen oder Kon­takt­mög­lich­kei­ten zu Tedi­ne Sanss. Ich wür­de die Geschich­te ger­ne unter CC-Lizenz ein­spre­chen als Hör­buch und — da sie unter CC-ND ver­öf­fent­licht ist — möch­te daher nach der Erlaub­nis fra­gen.

    Vie­le Grü­ße,
    Fal­dri­an

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