40 Pfennig
Numero 2706
Ausgabe vom Donnerstag, den 18. Oktober 2018

Leseprobe: »Die Jagd nach dem Kometentier« von Sean O’Connell

Von Professor Xanathon

Füllt die Segel mit Son­nen­wind, vol­le Fahrt vor­aus!« Die HMS Pequod glitt aus den letz­ten Atmo­sphä­re­schich­ten in die fins­te­re Dun­kel­heit des Alls. Ein lau­tes Ein- und Aus­at­men erfüll­te den Schiffs­rumpf, als wäre er ein leben­di­ges Wesen. Die Pum­pen im Maschi­nen­raum waren wie rie­si­ge Lun­gen, gigan­ti­sche Bla­se­bal­ge. Sie saug­ten den sie nun umge­ben­den Æther in gro­ßen Men­gen ein und ver­wan­del­ten ihn beim Aus­at­men in Sauer­stoff. Eine fri­sche Bri­se streif­te ihre Gesich­ter. »Hart am Wind blei­ben!« – »Aye, aye!«

Die Son­ne kam in Sicht. Ein gigan­ti­scher, feu­ri­ger Ball im glit­zern­den Feld der Ster­ne. Kra­ken­ar­mi­ge Pro­tu­ber­an­zen grif­fen hin­aus in den Æther, ver­glüh­ten im Dun­kel. Leuch­ten­de Bögen glei­ßen­den Lichts brann­ten sich schein­bar für immer in die Netz­häu­te der Offi­zie­re und Matro­sen.

»Kurs neh­men. Vor den Wind dre­hen!« – »Aye, aye!« Die Son­ne glitt davon, kipp­te ein­fach nach Back­bord weg. Das Schiff ächz­te und stöhn­te unter dem Kurs­wech­sel, aber es war in Wirk­lich­keit nur das Geräusch des Son­nen­win­des, der auf die bla­sen­ar­ti­ge Æther­hül­le pras­sel­te.

Kurz dar­auf zeig­te der Bugs­priet auf das blei­che Gesicht von Ence­la­dus, den fah­len Mond des Saturns, der – für das Auge noch unsicht­bar – in den Tie­fen des Alls auf sie war­te­te. Der Ren­dez­vous­punkt für ihre Rück­kehr.
Die Son­nen­se­gel bausch­ten sich hoch über den Köp­fen der Män­ner. Bram- und Mars­se­gel am Groß­mast füll­ten sich mit Son­nen­wind. Eini­ge Matro­sen enter­ten freu­dig auf, kro­chen in die Krä­hen­nes­ter an Fock-, Groß- und Kreuz­mast und began­nen mit der Obser­va­ti­on von her­um­ir­ren­den Aste­ro­iden, Meteo­ri­ten und ande­ren Him­mels­kör­pern. Jeder Mann der HMS Pequod, der nicht im Inne­ren des Schiffs sei­nen Dienst ver­rich­te­te, stand an Deck und sah hin­auf zu dem sil­ber­nen Flies der Segel, das in die­sem Moment wie ein gol­de­nes Feu­er im Licht der Son­ne fla­cker­te. Eini­ge der Män­ner mel­de­ten sich kurz von ihren Pos­ten ab, um nach Ach­tern zu eilen, einen letz­ten Blick auf den blau­en Pla­ne­ten zu erha­schen.
»Kurs ange­legt, Sir!«, rief Com­man­der Bin­ky. »Die Jagd kann begin­nen.«
Der Kapi­tän nick­te. »Ein his­to­ri­scher Tag, Edward.«
»Ja, Sir. Waid­manns­heil, möch­te ich sagen!«
Der Kapi­tän lächel­te. »Waid­manns­dank, Edward! Ich bin zuver­sicht­lich, dass wir noch vor Weih­nach­ten das Kome­ten­tier erlegt haben und zurück in Eng­land sein wer­den.«
Bin­ky nick­te. Er summ­te lei­se vor sich hin und wipp­te mit den Füßen.
»Sie lie­ben die Æther­fahrt, nicht wahr, Edward?«
»Ja, Sir. Ich bin an der Küs­te gebo­ren. Schon als Kind lieb­te ich es, den auf den Wel­len dahin glei­ten­den Schif­fen zuzu­se­hen. Aber hier zwi­schen den Ster­nen ist es noch viel schö­ner als auf dem Meer, Sir.«
Die HMS Pequod nahm end­gül­tig Fahrt auf, brach­te die Besat­zung fort von der Erde, ihrer alten Hei­mat, und führ­te sie hin­aus an neue, unbe­kann­te Orte.

Wäh­rend der Mars eini­ge Tage spä­ter in Reich­wei­te kam, war es fünf Gla­sen der Mit­tel­wa­che als Voll­ma­tro­se Wil­ly Smith vom Ober­deck den Nie­der­gang hin­un­ter stürm­te und erst inne hielt, als er die Kajü­te des Kapi­täns erreich­te. Er klopf­te laut und ver­nehm­lich. »Sir, Sir, wachen Sie auf, es ist soweit! Pho­bos und Dei­mos sind jetzt Back­bord!«
Der Kapi­tän trat Augen rei­bend auf den Gang, zog mit tap­sen­den Bewe­gun­gen fes­te Plün­nen an und folg­te dem Matro­sen an Deck.

Lee­wärts lag jetzt der Mars, eine blu­tig rote, rie­si­ge Kugel. Sein Licht ließ das Deck röt­lich erglü­hen. Der eiför­mi­ge Kör­per von Pho­bos, einem der bei­den Mon­de, schob sich kurz dar­auf bedenk­lich nah vor die HMS Pequod. Dei­mos, der klei­ne­re Tra­bant, befand sich noch weit­ge­hend im Rücken des Roten Pla­ne­ten, aber es wür­de ver­mut­lich nicht mehr lan­ge dau­ern, bis auch er ganz sicht­bar wer­den wür­de. Die Mars-Tro­ja­ner, Aste­ro­iden auf einer sta­bi­len Umlauf­bahn an den Lagran­ge-Punk­ten L4 und L5, blitz­ten im schwa­chen Licht der geschrumpf­ten Son­ne.
Welch ein außer­ge­wöhn­li­cher Anblick, dach­te der Kapi­tän.
Der Zwei­te Steu­er­mann, Chris­to­pher Pine, rief vom Poop­deck zu ihnen hin­un­ter. »Sir, wir wer­den über Æther­funk geru­fen! Die MS Uto­pia Pla­nitia ent­bie­tet ihre Grü­ße. Sie haben von unse­rer Jagd auf das Kome­ten­tier gehört und wol­len sich uns anschlie­ßen.«
»Aye! Das konn­te wohl nicht aus­blei­ben«, erwi­der­te der Kapi­tän miss­mu­tig. »Aber wir wer­den es ihnen nicht leicht machen! Wecken Sie die Matro­sen und die Offi­zie­re der Mor­gen­wa­che, las­sen sie alle Segel set­zen! Das Ren­nen ist noch nicht ent­schie­den, und wir haben bereits einen Vor­sprung. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht ein brauch­ba­res Start­fens­ter bekom­men und das Kome­ten­tier vor die­sen hoch­nä­si­gen Kolo­nis­ten fan­gen wür­den! Schi­cken sie Män­ner hin­un­ter in die Last, man soll eine Extra­por­ti­on Rum an Deck brin­gen – als Beloh­nung, wenn es uns gelingt, der Uto­pia Pla­nitia davon­zu­se­geln!« Er lach­te. »Alle Mann in die Wan­ten!« – »Aye, aye, Kapi­tän!«

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Ein Kommentar

  1. Andreas sagt:

    Herr­lich zu lesen. Bin schon gespannt was ein Kome­ten­tier ist.

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