40 Pfennig
Numero 2135
Ausgabe vom Sonntag, den 26. März 2017

Leseprobe: »Lillys Zukunft« von Andreas Dresen

Von Professor Xanathon

Du gehörst mir!« Eugene strich Lilly durch das kurze blonde Haar, bevor er sie fest im Nacken packte und zu sich zog. Sein Gesicht kam so nah, dass Lilly die klei­nen Schweiß­trop­fen auf sei­ner Stirn sehen konnte. »Ver­giss das nicht. Du bist mein Eigen­tum. Also hast du dei­nen Bei­trag zu leis­ten, klar?«

»Ja, Eugene.« Lilly hielt sei­nem Blick kurz stand, dann wollte sie den Kopf abwen­den, doch Eugene hielt sie fest. Als sie ein­an­der ansa­hen, hör­ten sie das Stamp­fen der Maschi­nen, das sonst nur als Hin­ter­grund­ge­räusch wahr­nehm­bar war, laut und deut­lich in der Stille. Auf der unters­ten Ebene des Raum­schiffs Kleine Hoff­nung war es feucht und sti­ckig. Die Luft wurde nur unre­gel­mä­ßig aus­ge­tauscht, da die wenige Ener­gie die übrig geblie­ben war, für das Kolo­nis­ten­deck genutzt wurde.

Eugene hatte seine Schie­ber­mütze weit in den Nacken gescho­ben, so dass sein ver­schwitz­tes Haar zum Vor­schein kam. Sein faden­schei­ni­ger Anzug und das weiße, kra­gen­lose Hemd waren eigent­lich viel zu warm für diese Umge­bung, aber Eugene ach­tete stets auf sein Aus­se­hen. Der erste Ein­druck zählt, sagte er immer wie­der zu Lilly, und wenn ich jeman­dem dafür eine blu­tige Nase schla­gen muss.

»Und jetzt mach dich ein biss­chen hüb­sch«, sagte er. »Die Reise geht bald zu Ende und ich habe nicht vor, mit lee­ren Hän­den in der Kolo­nie anzu­kom­men. Das ist unsere große Chance, die werde ich mir nicht ver­mas­seln las­sen. Ich würde mei­nen rech­ten Arm dafür geben. Dann haben wir aus­ge­sorgt!« Er ließ sie los. Lilly stol­perte zurück und strich sich das ein­fa­che Kleid glatt. Der Aus­schnitt zeigte etwas mehr nackte Haut, als es der aktu­el­len Mode ent­sprach. Das sonst übli­che Kor­sett hätte ihrer fül­li­ge­ren Figur sicher eine schma­lere Form ver­lie­hen, doch Eugene war es lie­ber so. Es sprach die Kun­den mehr an. Auf der unte­ren Ebene war man eine direkte Spra­che gewohnt.

Trot­zig streckte Lilly ihr Kinn nach vorn, so dass ihr zum Bubi­kopf geschnit­te­nes Haar nach hin­ten schnellte.

»Es ist noch gar nicht sicher, ob wir über­haupt auf­ge­nom­men wer­den.«

»Eben. Und ich will die Wahr­schein­lich­keit, dass wir abge­wie­sen wer­den, mini­mie­ren.« Er griff in seine Brust­ta­sche und zog ein Bün­del grü­ner Geld­scheine her­aus. Geschickt fächerte er sie auf und wedelte damit vor Lil­lys Nase herum. »Also, an die Arbeit.«

* * *

Johann saß unge­dul­dig auf dem Bar­ho­cker und starrte die Tür an, hin­ter der Eugene vor Minu­ten ver­schwun­den war. Heiße Wut bro­delte in ihm und es fiel ihm schwer sit­zen zu blei­ben. Am liebs­ten hätte er noch einen Whis­key getrun­ken, aber er wusste, dass er ihn nicht ver­tra­gen würde. Außer­dem wollte er nüch­tern sein, jede Minute mit Lilly genie­ßen kön­nen, denn die Zeit mit ihr war teuer erkauft und viel zu wenig. Doch das würde sich ändern. Er ver­ach­tete Eugene, mit sei­ner schlech­ten Haut, sei­nem rüpel­haf­ten Beneh­men und sei­nem über­heb­li­chen Chau­vi­nis­mus. Doch er war der ein­zige Weg zu Lilly. Und wenn Johann die­sen Weg gehen mus­ste, wollte er auch ihren Beschüt­zer ertra­gen.

In einer Ecke saß ein betrun­ke­ner alter Mann, der auf sei­nem Banjo spielte und zahn­los ver­suchte, ein Volks­lied zu sin­gen. Die Men­schen um ihn herum igno­rier­ten ihn genauso wie sie Johnny igno­rier­ten. Es war nicht unge­wöhn­lich, dass sich Her­ren der oberen Decks unten heim­lich amü­sier­ten. Sie waren der Geld­hahn, an dem hier viele hin­gen. Eine andere Tür öff­nete sich, und eine junge Frau mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen ver­ließ mit einem Tablett vol­ler Pfei­fen den zwei­ten Hin­ter­raum. Johnny hasste die Per­so­nen, die sich dort hin­ein bega­ben. Er hatte gese­hen, wie die Men­schen sich unter Opium ver­än­der­ten. Seine Schwes­ter war dem Rausch­gift ver­fal­len gewe­sen – ein unschätz­ba­rer Ver­lust für die Gemein­schaft. Ihre Bil­dung war aus­ge­zeich­net, man hatte sie gar als Mul­ti­pli­ka­tor aus­er­wählt. Es war vor­ge­se­hen wor­den, dass sie als Mut­ter ihre Quote über­er­fül­len sollte – und so die Stel­lung der Fami­lie in der Kolo­nie zu stär­ken. Doch sie hatte sich lie­ber umge­bracht.

Der Kapi­tän hatte danach eine Raz­zia durch­füh­ren und die Schlaf­droge ver­bie­ten las­sen. Fast eine halbe Tonne Roh­ma­te­rial hatte man gefun­den und der Maschine über­ge­ben.

Johann fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ihm würde das nicht pas­sie­ren.

Er litt unter der ent­setz­li­chen Wärme. Sein Apart­ment auf dem Kolo­nis­ten­deck war viel küh­ler, ein Groß­teil der Ener­gie, die die Maschine ihnen spen­dete, kam dem Kom­fort und dem Leben auf dem Ober­deck zu Gute. Johann fuhr sich mit dem Fin­ger unter den hohen Steh­kra­gen, der durch die schwarze Fliege an sei­nen Hals gedrückt wurde. Wenn er erst ein­mal bei Lilly wäre, würde es ange­neh­mer wer­den.

Heute würde er wagen, dachte er. Jetzt öff­nete sich end­lich die Türe zu Lil­lys Raum und Eugene trat her­aus. Johann stand auf. Sein Magen fühlte sich flau an. Heute würde er es wagen. »Schnell, noch einen Whis­key«, herrschte er den Bar­mann an und legte eine Münze auf den Tre­sen. Bis Eugene bei ihm war, hatte er den bil­li­gen Fusel hin­un­ter gestürzt. Dann nahm er sei­nen Zylin­der, setzte ihn auf und griff nach sei­nem Spa­zier­stock aus dunklem Holz, in des­sen Griff ein Ele­fan­ten­kopf geschnitzt war. Als Johann seine Fin­ger über den Kopf glei­ten lies, fühlte er sich wie­der siche­rer. Er war wie ein Ele­fant, dachte er oft. Was er sich ein­mal in den Kopf gesetzt hatte, würde er gegen alle Wider­stände durch­füh­ren. Und er hatte einen Plan.

Eugene streckte ihm die Hand ent­ge­gen, die Johann ergriff und ihm dabei die Geld­scheine über­gab, die ver­ein­bart waren.

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