40 Pfennig
Numero 2195
Ausgabe vom Donnerstag, den 25. Mai 2017

Leseprobe: »Lillys Zukunft« von Andreas Dresen

Von Professor Xanathon

Du gehör­st mir!« Euge­ne strich Lil­ly durch das kur­ze blon­de Haar, bevor er sie fest im Nacken pack­te und zu sich zog. Sein Gesicht kam so nah, dass Lil­ly die klei­nen Schweiß­trop­fen auf sei­ner Stirn sehen konn­te. »Ver­giss das nicht. Du bist mein Eigen­tum. Also hast du dei­nen Bei­trag zu leis­ten, klar?«

»Ja, Euge­ne.« Lil­ly hielt sei­nem Bli­ck kurz stand, dann woll­te sie den Kopf abwen­den, doch Euge­ne hielt sie fest. Als sie ein­an­der ansa­hen, hör­ten sie das Stamp­fen der Maschi­nen, das son­st nur als Hin­ter­grund­ge­räusch wahr­nehm­bar war, laut und deut­li­ch in der Stil­le. Auf der unters­ten Ebe­ne des Raum­schiffs Klei­ne Hoff­nung war es feucht und sti­ckig. Die Luft wur­de nur unre­gel­mä­ßig aus­ge­tauscht, da die weni­ge Ener­gie die übrig geblie­ben war, für das Kolo­nis­ten­de­ck genutzt wur­de.

Euge­ne hat­te sei­ne Schie­ber­müt­ze weit in den Nacken gescho­ben, so dass sein ver­schwitz­tes Haar zum Vor­schein kam. Sein faden­schei­ni­ger Anzug und das wei­ße, kra­gen­lo­se Hemd waren eigent­li­ch viel zu warm für die­se Umge­bung, aber Euge­ne ach­te­te stets auf sein Aus­se­hen. Der ers­te Ein­druck zählt, sag­te er immer wie­der zu Lil­ly, und wenn ich jeman­dem dafür eine blu­ti­ge Nase schla­gen muss.

»Und jetzt mach dich ein biss­chen hüb­sch«, sag­te er. »Die Rei­se geht bald zu Ende und ich habe nicht vor, mit lee­ren Hän­den in der Kolo­nie anzu­kom­men. Das ist unse­re gro­ße Chan­ce, die wer­de ich mir nicht ver­mas­seln las­sen. Ich wür­de mei­nen rech­ten Arm dafür geben. Dann haben wir aus­ge­sorgt!« Er ließ sie los. Lil­ly stol­per­te zurück und strich sich das ein­fa­che Kleid glatt. Der Aus­schnitt zeig­te etwas mehr nack­te Haut, als es der aktu­el­len Mode ent­sprach. Das son­st übli­che Kor­sett hät­te ihrer fül­li­ge­ren Figur sicher eine schma­le­re Form ver­lie­hen, doch Euge­ne war es lie­ber so. Es sprach die Kun­den mehr an. Auf der unte­ren Ebe­ne war man eine direk­te Spra­che gewohnt.

Trot­zig streck­te Lil­ly ihr Kinn nach vorn, so dass ihr zum Bubi­ko­pf geschnit­te­nes Haar nach hin­ten schnell­te.

»Es ist noch gar nicht sicher, ob wir über­haupt auf­ge­nom­men wer­den.«

»Eben. Und ich will die Wahr­schein­lich­keit, dass wir abge­wie­sen wer­den, mini­mie­ren.« Er griff in sei­ne Brust­ta­sche und zog ein Bün­del grü­ner Geld­schei­ne her­aus. Geschickt fächer­te er sie auf und wedel­te damit vor Lil­lys Nase her­um. »Also, an die Arbeit.«

* * *

Johann saß unge­dul­dig auf dem Bar­ho­cker und starr­te die Tür an, hin­ter der Euge­ne vor Minu­ten ver­schwun­den war. Hei­ße Wut bro­del­te in ihm und es fiel ihm schwer sit­zen zu blei­ben. Am liebs­ten hät­te er noch einen Whis­key getrun­ken, aber er wuss­te, dass er ihn nicht ver­tra­gen wür­de. Außer­dem woll­te er nüch­tern sein, jede Minu­te mit Lil­ly genie­ßen kön­nen, denn die Zeit mit ihr war teu­er erkauft und viel zu wenig. Doch das wür­de sich ändern. Er ver­ach­te­te Euge­ne, mit sei­ner schlech­ten Haut, sei­nem rüpel­haf­ten Beneh­men und sei­nem über­heb­li­chen Chau­vi­nis­mus. Doch er war der ein­zi­ge Weg zu Lil­ly. Und wenn Johann die­sen Weg gehen mus­s­te, woll­te er auch ihren Beschüt­zer ertra­gen.

In einer Ecke saß ein betrun­ke­ner alter Mann, der auf sei­nem Ban­jo spiel­te und zahn­los ver­such­te, ein Volks­lied zu sin­gen. Die Men­schen um ihn her­um igno­rier­ten ihn genauso wie sie John­ny igno­rier­ten. Es war nicht unge­wöhn­li­ch, dass sich Her­ren der oberen Decks unten heim­li­ch amü­sier­ten. Sie waren der Geld­hahn, an dem hier vie­le hin­gen. Eine ande­re Tür öff­ne­te sich, und eine jun­ge Frau mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen ver­ließ mit einem Tablett vol­ler Pfei­fen den zwei­ten Hin­ter­raum. John­ny hass­te die Per­so­nen, die sich dort hin­ein bega­ben. Er hat­te gese­hen, wie die Men­schen sich unter Opi­um ver­än­der­ten. Sei­ne Schwes­ter war dem Rausch­gift ver­fal­len gewe­sen — ein unschätz­ba­rer Ver­lust für die Gemein­schaft. Ihre Bil­dung war aus­ge­zeich­net, man hat­te sie gar als Mul­ti­pli­ka­tor aus­er­wählt. Es war vor­ge­se­hen wor­den, dass sie als Mut­ter ihre Quo­te über­er­fül­len soll­te – und so die Stel­lung der Fami­lie in der Kolo­nie zu stär­ken. Doch sie hat­te sich lie­ber umge­bracht.

Der Kapi­tän hat­te dana­ch eine Raz­zia durch­füh­ren und die Schlaf­dro­ge ver­bie­ten las­sen. Fast eine hal­be Ton­ne Roh­ma­te­ri­al hat­te man gefun­den und der Maschine über­ge­ben.

Johann fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ihm wür­de das nicht pas­sie­ren.

Er litt unter der ent­setz­li­chen Wär­me. Sein Apart­ment auf dem Kolo­nis­ten­de­ck war viel küh­ler, ein Groß­teil der Ener­gie, die die Maschine ihnen spen­de­te, kam dem Kom­fort und dem Leben auf dem Ober­de­ck zu Gute. Johann fuhr sich mit dem Fin­ger unter den hohen Steh­kra­gen, der durch die schwar­ze Flie­ge an sei­nen Hals gedrückt wur­de. Wenn er erst ein­mal bei Lil­ly wäre, wür­de es ange­neh­mer wer­den.

Heu­te wür­de er wagen, dach­te er. Jetzt öff­ne­te sich end­li­ch die Türe zu Lil­lys Raum und Euge­ne trat her­aus. Johann stand auf. Sein Magen fühl­te sich flau an. Heu­te wür­de er es wagen. »Schnell, noch einen Whis­key«, herrsch­te er den Bar­mann an und leg­te eine Mün­ze auf den Tre­sen. Bis Euge­ne bei ihm war, hat­te er den bil­li­gen Fusel hin­un­ter gestürzt. Dann nahm er sei­nen Zylin­der, setz­te ihn auf und griff nach sei­nem Spa­zier­sto­ck aus dunklem Holz, in des­sen Griff ein Ele­fan­ten­kopf geschnitzt war. Als Johann sei­ne Fin­ger über den Kopf glei­ten lies, fühl­te er sich wie­der siche­rer. Er war wie ein Ele­fant, dach­te er oft. Was er sich ein­mal in den Kopf gesetzt hat­te, wür­de er gegen alle Wider­stän­de durch­füh­ren. Und er hat­te einen Plan.

Euge­ne streck­te ihm die Hand ent­ge­gen, die Johann ergriff und ihm dabei die Geld­schei­ne über­gab, die ver­ein­bart waren.

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