40 Pfennig
Numero 2165
Ausgabe vom Dienstag, den 25. April 2017

Leseprobe: „Befreiungsschlag“ – von Merlin Thomas

Von Professor Xanathon

Zum Steam­punk-Chro­ni­ken-Son­der­band „Geschich­ten aus dem Æther“, der kurz vor sei­ner Fer­tig­stel­lung steht, gibt es an die­ser Stelle eine erste Lese­probe. Und wie man fest­stel­len wird, haben es nicht nur die Bri­ten in den Aether­raum geschafft. Ob das gut oder schlecht ist, das ist eine ganz andere Frage, die erst bei Erschei­nen des Ban­des 1.5 abschlie­ßend beant­wor­tet wer­den wird.

Befreiungsschlag

Der Dienst­ha­bende schaute auf. Der hek­ti­sche Rhyth­mus, in dem die Magnet­s­tie­fel durch den Kor­ri­dor klick­ten, schwächte seine Auf­merk­sam­keit für den Ver­such, die wöchent­li­che Lek­türe des Clau­se­witz nicht schlei­fen zu las­sen. Er plat­zierte das Lese­bänd­chen zwi­schen den Sei­ten und spannte das Buch unter eine der Hal­telei­nen sei­nes Schreib­ti­sches.
Seine Erwar­tung erfüllte sich: der Signal­ton der Tür erklang. Er zog an dem Hebel, der die Tür in die Wand schwin­gen ließ. Der Läu­fer klickte her­ein und salu­tierte. »Herr Major, melde gehor­samst: æther­te­le­gra­phi­sche Depe­sche von der Ober­flä­che erhal­ten, Herr Major!«
Köp­cke streckte den Arm aus, nahm das Klemm­brett und über­flog die Depe­sche. Sie stammte vom Büro des Gou­ver­neurs und ver­an­lasste den Offi­zier, beim Auf­sprin­gen zu ver­ges­sen, dass er an sei­nen Stuhl geschnallt war. Er löste den Gurt und reichte die Nach­richt zurück. »Brin­gen Sie das zum Kom­man­dan­ten. Zack, zack!«

Der Gefreite salu­tierte und klickte hin­aus. Der Major warf einen Blick auf die Abdeck­platte an der Wand, aber er wider­stand der Ver­su­chung, sie erneut abzu­schrau­ben. Köp­cke zog den Hebel, der den Gefechts­alarm aus­löste. Der Wider­stand erschien ihm gerin­ger, jetzt da das Stahl­seil, das zum Tran­sæt­her­sen­der lief, aus­ge­hängt war. In der gesam­ten Fes­tung erklang das Alarm­si­gnal in drei­fa­cher Wie­der­ho­lung, riss die Nacht­schicht aus ihrem Däm­mer­zu­stand und die Übri­gen aus ihrem Schlaf.
Major Köp­cke ver­rie­gelte das Dienst­zim­mer und folgte dem Kor­ri­dor nach rechts, wo ihm einige Meter wei­ter ein Bewaff­ne­ter das Dop­pel­tor zur Ope­ra­ti­ons­zen­trale öff­nete. Durch die rück­wär­tige Kup­pel warf er einen Blick auf die Ober­flä­che hin­un­ter. Ohne eines der Tele­skope zu nut­zen, konnte er nichts Auf­fäl­li­ges erken­nen. Im Vor­bei­ge­hen ließ er sich eine Kopie der Depe­sche geben, dann schnallte er sich auf sei­nen Platz am Tak­tik­ti­sch. An der Wand lief eine Uhr seit zwei Minu­ten und 17 Sekun­den. Dane­ben war eine Reihe von 24 Lam­pen, von denen ein Drit­tel nur blass schim­merte.
Bei drei Minu­ten und neun Sekun­den leuch­te­ten alle in kräf­ti­gem Grün: Orbi­tal­fes­tung 9 war gefechts­be­reit. Der Major notierte die Zeit im Wach­buch. Nach kur­zem Zögern fügte er unbe­frie­di­gend hinzu. Die Ver­fah­rens­an­wei­sung des Raum­kom­man­dos sah eine Zeit von unter drei Minu­ten vor. Er würde zusätz­li­che Alarm­d­rills auf den Plan set­zen.
Das Schott zum Kor­ri­dor öff­nete sich und Oberst von Theeste trat ein. Er stampfte auf Köp­cke zu. Das auf den Tisch geschleu­derte Klemm­brett prallte ab und segelte davon. »Was ist denn das für eine Saue­rei, Köp­cke? Sozia­lis­ten­schwänze? Direkt unter mei­nem Arsch? Denen müs­sen wir wohl mal auf den Kopf schei­ßen, was?«
»Sehr wohl, Herr Oberst!«
Der Fes­tungs­kom­man­dant schnallte sich sei­nem Wach­of­fi­zier gegen­über auf einen Stuhl und schloss die gol­de­nen Knöpfe sei­ner dun­kel­blauen Uni­form. »Dann sagen Sie Han­sen mal Bescheid, dass er da unten durch­wischt, wenn die Han­seln von der Boden­truppe das nicht selbst in den Griff bekom­men.«
Köp­cke winkte eine Ordon­nanz her­bei. Auf ein geraun­tes »Han­sen« hin, klickte diese eilig zur Sprech­an­lage.
»Herr Oberst, ich muss mir erlau­ben, auf einen kri­ti­schen Punkt hin­zu­wei­sen. Wir haben der­zeit keine Kapa­zi­tä­ten, um Han­sens Kom­pa­nie auf die Ober­flä­che zu ver­brin­gen.«
Theeste starrte den Major mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen an. Köp­cke war­tete nicht auf die Nach­frage sei­nes Vor­ge­setz­ten. Er schlug im Wach­buch nach. »Die Kron­prinz Lud­wig ist zum Befehls­emp­fang bei der Admi­ra­li­tät auf Kaiser-Wilhelm-II.-Mond. Köpe­nick und Bran­den­burg patrouil­lie­ren beim Zaren. Unsere vor­ge­scho­be­nen Tele­skope haben ver­stärkte Flot­ten­be­we­gun­gen gemel­det. Und die Hel­go­land ist raus, einen Kut­ter auf­zu­brin­gen, der ledig­lich 180 Raum­mei­len von hier eine Ladung Unrat ver­klappt hat.« Köp­cke deu­tete mit dem Buch in Rich­tung des raum­wärts gele­ge­nen Obser­va­to­ri­ums.
Theeste warf einen Blick hin­aus und löste sei­nen Gurt. »Unrat? Unser letz­tes Kriegs­schiff geht raus, um einen Kut­ter wegen Ver­klap­pung von Unrat zu jagen?« Er wiegte sich in der Hüfte, wie es sich viele Offi­ziere ange­wöhnt hat­ten, die in Schwer­kraft dazu neig­ten, auf und ab zu lau­fen. »Nun, da dan­ken wir aber ganz artig unse­rer gelieb­ten Kai­se­rin für ihre expli­zi­ten Befehle zur Rein­hal­tung des Wel­ten­raums.«
Haupt­mann Han­sen betrat die Zen­trale und nahm neben dem Tak­tik­ti­sch Hal­tung an.
»Han­sen, gut.« Der Oberst setze sich. »Wissen’s, die Sozia­lis­ten haben drun­ten in Karl­stadt eine Räte­re­pu­blik aus­ge­ru­fen und sich nahe der Amts­kup­pel des Gou­ver­neurs ver­schanzt.«
»Unver­schämt­heit, Herr Oberst. Erbitte Erlaub­nis, die Rats­ver­samm­lung auf­zu­lö­sen, Herr Oberst!«
»Die hät­ten Se, mein Guter, die hät­ten Se. Aber lei­der …« Mit einem Win­ken über­gab er Köp­cke das Wort.
»Lei­der haben wir keine Trans­port­mög­lich­keit für deine Jungs, Frie­der. Alle Schiffe sind drau­ßen.«
»Sap­per­lot! Wann wer­den sie denn zurück erwar­tet?«
»Durch den Gefechts­alarm wurde ihnen auto­ma­ti­sch über Tran­sæt­her die Rück­kehr signa­li­siert. Die Lud­wig müsste …«, Köp­cke blickte auf die Uhren und über­schlug einige Werte, »… in etwa andert­halb Stun­den wie­der hier sein. Es sei denn, einer der Her­ren Admi­rale fühlt sich bemü­ßigt, ihren Rück­kehr­be­fehl zu wider­ru­fen Dann müs­sen wir auf die H’land war­ten. Aller­dings haben wir deren genaue Posi­tion nicht.«
Han­sen blickte eben­falls auf die Chro­no­gra­phen. »Hm, da kann ich den Wacht­meis­ter ja noch mal die Spiel­kar­ten aus­ge­ben las­sen, was?«
»Wer weiß, Frie­der. Viel­leicht hat die Hel­go­land ihre Jagd schon been­det. Dann könnte sie jeden Moment hier sein.« Köp­cke wandte sich an Theeste. »Wir soll­ten den Auf­stän­di­schen nicht mehr Zeit geben sich ein­zu­rich­ten als not­wen­dig, oder Herr Oberst?«
»Rich­tig Köp­cke. Han­sen, machen Sie die Jungs schon mal fer­tig. Eine Stunde auf die Ver­la­dung zu war­ten, för­dert sicher­lich den Ehr­geiz, den Ein­satz schnell zu Ende zu brin­gen.«
»Zu Befehl, Herr Oberst. Nun ja, wenn es bis zum Ein­satz­be­ginn vor Ort tat­säch­lich drei Stun­den dau­ert, wird das sicher­lich einer der per­sis­tie­rends­ten Räte in der Geschichte des Kai­ser­reichs sein.«
Der Oberst schmun­zelte, riss sich aber schnell wie­der zusam­men. »Aber was für eine Schande, dass das unter mei­ner Nase geschieht.« Er atmete aus und schüt­telte den Kopf. »Han­sen, dafür müs­sen Se umso gründ­li­cher auf­räu­men, wenn Se ver­ste­hen, was ich meine.«
Haupt­mann Han­sen strich sei­nen Schnurr­bart glatt. »Natür­lich, Herr Oberst, mit Ver­gnü­gen.« Er salu­tierte. »Har­ren wir also der Rück­kehr der Hel­go­land. Ich mache meine Män­ner marsch­be­reit.«
Die Offi­ziere am Tisch erwi­der­ten den Gruß, Han­sen drehte sich um und klickte zum Schott.
»Frie­der?«
Han­sen blieb ste­hen und blickte zurück.
»Pass auf dich auf!«
»Ach Kurt, wäh­rend die noch einen Antrag auf Abstim­mung über Gegen­wehr ein­brin­gen, sind meine Bajo­nette schon durch die ver­sam­melte Mann­schaft durch. Die wer­den quie­ken wie die Säue am Schlacht­tag!« Er tippte sich mit zwei Fin­gern an die Schläfe und ver­ließ die Zen­trale.
»Sagen Se mal, Köp­cke, was war das denn? Haben Se Fracksau­sen vor den Revo­luz­zer­f­atz­ken?«
»Nein, Herr Oberst, selbst­ver­ständ­lich nicht. Ich … « Er zögerte, warf einen Blick über die Schul­ter auf das boden­sei­tige Fens­ter und las einige Instru­mente zur Bahn­lage der Orbi­tal­fes­tung ab. »Ich sin­niere nur über das, was Sie vor­hin gesagt haben, Herr Oberst. Dass wir denen auf den Kopf schei­ßen soll­ten.«
»Ja, und?«
»Nun ja, eine Salve 16-Zoll-Gra­na­ten sollte einen anstän­di­gen Hau­fen abge­ben, Herr Oberst.«
»Herr Major, ist ihrer Auf­merk­sam­keit ent­gan­gen, dass wir keine boden­sei­ti­gen Geschütze haben?«
»Selbst­re­dend nicht, Herr Oberst. Doch mei­ner Ein­schät­zung zu Folge liegt das Ziel ledig­lich ein paar Grad außer­halb unse­res Bestrei­chungs­win­kels. Ich ver­mute, die bei­den Schlep­per könn­ten uns mit Hilfe unse­rer Lage­kor­rek­tur­ma­schi­nen so weit her­um­drü­cken, dass wir eine Feu­er­leit­lö­sung für das Ziel bekom­men.«
Der Oberst stemmte sich auf dem Tisch auf, so weit sein Gurt das zuließ und kniff die Augen zusam­men. »Hm, Se mei­nen, wir soll­ten uns umdre­hen, um auf die zu schie­ßen? Hm, hm.«
»Ganz genau.«
»Das ist so töricht, das kann gelin­gen, Köp­cke. Wer kommt schon auf die Idee, eine Fes­tung ein­fach umzu­dre­hen?«
Der Major stand auf. »Ich werde das mit dem Geschütz­of­fi­zier und dem Lei­ten­den erör­tern, Herr Oberst.«
»Tun Se das, Köp­cke, tun Se das.« Er schnallte sich ab und klickte Rich­tung Schott. »Ich ver­trete mir so lange die Beine.«

Mehr im Son­der­band „Geschich­ten aus dem Æther“

Dieser Beitrag wurde in Autoren, Leseprobe veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar

  1. tedine sagt:

    Ganz toll! Men­schen­s­kind, was kannst du schrei­ben! (Und ich weiß schon, wie’s aus­geht :)))

Einen Kommentar hinterlassen

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

{"result":"error", "message":"You can't access this resource as it requires an 'view' access for the website id = 1."}