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Numero 3640
Ausgabe vom Sonntag, den 9. Mai 2021

Was ist eigentlich Steampunk?

Von Professor Xanathon

Ich vermute, dass das die Frage ist, die sich manch einer stellen wird, der über diese Seite stolpert – darunter vielleicht auch Leser und Autoren, die bislang keine Berührung mit diesem Thema hatten. Die Erklärung ist nicht ganz einfach, insbesondere deswegen, weil man von fünf Anhängern des Genres wahrscheinlich acht unterschiedliche Antworten dazu bekommt. Das macht eine Definition die auch Außenstehende zufrieden stellt nachvollziehbarerweise nicht einfacher. Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass alle nachfolgenden Aussagen meine Einstellung und Meinung wiederspiegeln und diese selbstverständlich nicht die des Lesers oder der Leserin sein muss. Wie ich schon im Interview mit dem Zauberspiegel schrieb: „wer bin ich schon, dass ich mir anmaßen könnte das Genre zu definieren?“. :o)
Aus diesem Grund gebe ich an dieser Stelle Hinweise und merke an: umfassend kann die Erklärung nicht sein – das soll sie auch nicht – und Abweichungen von meiner Ansicht sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Da es hier um ein Literaturprojekt geht, werde ich mich dem Thema von dieser Seite nähern – ich möchte aber vorab deutlich darauf hinweisen, dass sich das Genre in der heutigen Form erfreulicherweise einer exakten Definition entzieht und – so meine ich zumindest erkannt zu haben – ein Großteil der Anhänger genau diese fehlende Einengung als überaus erfrischend empfindet. Wenn also immer wieder gefragt wird, wo denn der Punk im Steampunk ist, dann lautet eine der Antworten: lass´ mich mit Deinem Schubladendenken in Ruhe! :o)

Doch zurück zur Literatur beziehungsweise zum Hintergrund oder vielleicht „Setting“ wie es auf Neudeutsch heißt. Es geht um Parallelweltgeschichten. Grundsätzlich würde ich das Ganze zur viktorianischen Zeit verorten wollen, also sagen wir mal grob im Zeitraum 1840 bis 1900. Das ist natürlich zum einen nur ein Anhaltspunkt, zum anderen gibt es die Möglichkeit, dass sich das viktorianische Zeitalter – oder dessen Stil und Kolorit – aufgrund von Geschehnissen und Erfindungen in Steampunk-Universen weitestgehend bis in die heutige Zeit oder in die Zukunft erhalten hat.

Immer wieder lese ich die Aussage „ohne Dampf ist es für mich kein Steampunk“. Diese halte ich für grundlegend falsch. Der Begriff an sich rührt daher, dass die Vorlage in der realen Welt in die Zeit der Industrialisierung angesiedelt ist, in der die Dampfmaschine einen maßgeblichen Anteil an der Veränderung der Welt hatte. Nun kann es sein, dass Dampfmaschinen eine zentrale Rolle in einer Steampunk-Geschichte oder dem zugehörigen Universum spielen, aber ein Zwang ist das keinesfalls – denn genauso gut können es andere Erfindungen sein, die in der realen Welt nie gemacht wurden und die zur Entwicklung einer parallelen Zeitlinie führen. Beispiele hierfür wären von Uhrwerken angetriebene Roboter (vergleiche Clockpunk, ein Subgenre des Subgenres, allerdings sehe ich da schon wieder die Aufteilung in mikro-Schubladen, deswegen erwähne ich das nur am Rande), leistungsfähige mechanische Rechenmachinen, Aetherpropeller, die die Kolonialmächte auf Planeten des Sonnensystems tragen, Naphtha-getriebene Kutschen oder Konstrukte, die durch ein mysterlöses „Plasma“ befeuert werden und die über nahezu unerschöpfliche Energiereserven verfügen.

Neben zeitlichem und technischem Rahmen nimmt die Ästhetik einen zentralen Punkt beim Steampunk ein. Das Aussehen von beispielsweise Technik und Mode ist ebenfalls grob am oben genannten viktorianischen Rahmen angelehnt, wobei selbstverständlich auch hier Variationen nicht nur möglich sondern fast zwingend sind. Ein gutes Beispiel ist Captain Nemos U-Boot NAUTILUS aus dem Disney-Film „20000 Meilen unter dem Meer“. Die ist zwar ein technisches Meisterwerk und allen anderen Fahrzeugen ihrer Zeit weit voraus, weist aber im Design exakt darauf hin, in welcher Epoche sie entstanden ist, und zeigt Verzierungen und Schnörkel, die sie im Gegensatz zu den Kriegsschiffen der Zeit einzigartig aussehen lassen. Übrigens sah die Nautilus in einer Illustration des Originalbuches von Verne eher so aus, wie ein heutiges, modernes U-Boot (siehe rechts), aber das nur am Rande. :)

Ebenfalls immer wieder zentral bei Steampunk: Sitte und Etikette des viktorianischen Zeitalters. Selbstverständlich reden wir hier in aller Regel über eine idealisierte und romantisierte Sicht jener Zeit, aber das ist mit Sicherheit auch ein Grund für die Attraktivität des Genres. Wir bekommen es mit kultivierten Ladies und Gentlemen zu tun, aber ebenso möglich sind Mitglieder der sogenannten Unterschicht, seien es nun Heizer der dampfgetriebenen Landleviathane oder die Aethermänner, die auf Solarseglern durchs Sonnensystem reisen.
Möglich sind übrigens sowohl Utopien wie auch Dystopien, wobei es nach meinen Erfahrungen gern eher mal in Richtung Dystopie geht (weil dann die Helden heldenhafter sein können). Es geht geht beides und alles dazwischen. Hier kann auch wieder der Punk ins Spiel kommen, nämlich Querdenker, die sich den gestrengen Sitten der Zeit widersetzen, oder gegen alle Widerstände der etablierten Wissenschaft eine technische Innovation entwickeln, die die Gesellschaft für immer verändern wird. Frauen in klassischen Männerberufen. Ausbrecher aus Standes- oder Nationsdünkel. Und vieles mehr. Meiner Ansicht nach rührt der Begriff „Punk“ im Steampunk auch daher, dass man eine bekannte Historie und bekannte Hintergründe nimmt und sie mit nie Gewesenem und Phantastischem anreichert, um ein neues Ganzes zu schaffen (und weil K. W. Jeter damals in den frühen 80ern einen griffigen Namen für sein neues Genre brauchte und sich dabei am damals ebenfalls gerade frischen Cyberpunk orientierte… :o).

Ebenfalls gern Teil von Genre-Erzählungen sind Mystik, Okkultes und Magie. Entweder ganz offen in die Gesellschaft integriert oder als zusätzliches Spannungselement in Erscheinung tretend. Man bekommt es in der einschlägigen Literatur beispielsweise auch mal mit auferstandenen Mumien, sinistren Magienutzern oder uralten bösen Göttern zu tun. Ob der Autor solche Elemente in seinen Geschichten nutzt, ist allein ihm überlassen und wie er sein Universum angelegt hat – erlaubt ist, was gefällt und „alles wird besser mit Zombies!“ :o)

Auf der Seite zum Steampunk-Comic „Girl Genius“ von Phil Foglio heißt es passend:

Adventure, Romance, MAD SCIENCE! 1)

Eine Nähe zu Penny Dreadfuls und Pulps ist selbstverständlich beabsichtigt und erlaubt. Und da es diese Nähe zur Unterhaltungsliteratur des 19. und frühen 20 Jahrhunderts fraglos gibt, weigere ich mich auch nachdrücklich, nur angeblich „Anspruchsvolles“ zu veröffentlichen. Das Genre hat seine Wurzeln eben auch und gerade in der Unterhaltungsliteratur, wenn das gewissen Kulturchauvinisten nicht passt, dann sei diese Meinung ihnen unbenommen, sie sollen aber bitte etwas anderes lesen!

Kleiner Einschub: Steamfantasy. Im Gegensatz zum Steampunk verorte ich Steamfantasy nicht in einem semi-historischen irdischen Hintergrund, sondern eben auf erfundenen Fantasy-Welten, die keinen direkten Bezug zur Geschichte der Erde aufweisen. Ob die Protagonisten dann Menschen, Zwerge oder Elfen sind (oder alle davon), ist erst einmal zweitrangig. Wie beispielsweise „Castle Falkenstein“ aber zeigt, sind umgekehrt Fabelwesen wie Zwerge, Elben oder Sidhe im Steampunk einer parallelen Erde ebenfalls möglich – deswegen sind auch hier die Grenzen fließend.

Bei Hardcore-Anhängern des SF-Genres lese ich immer wieder, dass Steampunk doch keine Science Fiction sei, sondern Fantasy. Und es wird im Detail ausdefiniert und (zum Teil hanebüchen begründet), was zum SF-Genre gehören könnte und was nicht. Meine Antwort darauf: diskutiert ihr ruhig, mir doch egal und völlig unwichtig! Viel wichtiger als eine konkrete Definition von Steampunk und damit eine Einengung des Genres und insbesondere der Möglichkeiten ist es mir, wenn kreativ mit Rahmenbedingungen umgegangen wird und dabei interessante, kurzweilige und innovative Werke entstehen. Totdefinieren ist kontraproduktiv und tötet die Kreativität – das braucht keiner! Zudem ist Steampunk längst nicht mehr nur ein Literaturgenre und die aktuelle Bewegung gründet sich auch und vielleicht sogar vorrangig im Maker-Movement statt nur in der Literatur, weitere Punkte sind Spaß am Rollenspiel und Geselligkeit. Wer das Genre also ausschließlich aus dem literarischen Blickwinkel betrachtet, schließt maßgebliche Aspekte völlig aus. Aber das nur am Rande, man vergebe mir die kleine Exkursion.

Ich möchte diese Betrachtung des Genres Steampunk und die explizit verweigerte konkrete Definition an dieser Stelle beschließen und die Leser bitten, ihre Anmerkungen und anderslautenden Meinungen gern hier als Kommentar zu hinterlassen oder bei Unklarheiten Fragen zu stellen. Wie ich Eingangs schrieb: das sind nur meine Ideen zum Thema, keine Naturgesetze!

es verbleibt,
hochachtungsvoll,

Professor X

 

p.s.: eine ausführlichere Betrachtung der Steampunk-Bewegung an sich – also nicht auf Literarisches beschränkt – findet sich beim Clockworker

p.p.s.: Bei der Auswahl der Geschichten, die es letztlich in die STEAMPUNK-CHRONIKEN schaffen wird, halte ich es mit meinen Worten oben und setze keine strengen Regeln, um die Kreativität nicht einzuschränken (überrascht mich!). Es wäre aber schon angebracht, wenn es Versatzstücke aus den soeben genannten Punkten zumindest ansatzweise in die Stories schaffen könnten. Nach dem, was ich bislang an Geschichten oder Fragmenten erhalten habe mache ich mir da aber ehrlich gesagt gar keine Sorgen. :)

 

Bild 1: Steampunk-Apparatur, Foto von Robin Stevens, CC-Lizenz
Bild 2: Nautilus, Neuville 1868, aus 20000 LEAGUES UNDER THE SEA, gemeinfrei

1) Zitat gnadenlos geklaut beim Clockworker [zurück zur Fußnote]

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2 Kommentare

  1. Ich bin auch nicht so der Schubladen-Typ und kann mich dieser Sichtweise nur anschließen. Vor einem Jahr wusste ich noch nicht mal, dass es einen Begriff wie Steampunk überhaupt gibt. Ich denke, dass gerade die alles andere als strenge Definition dieses „Irgendwas“ es ist welche die verschiedensten Leute anzieht und ihren Platz in diesem Genre finden lässt.
    Steampunk ist wie ein Rahmen in den man sein eigenes Bild malen kann. Manche Leute pinseln sogar den Rahmen selber und darüber hinaus.

  2. […] Besu­chern die­ser Seite geläu­fig sein, es sei aller­dings noch ein­mal auf meine kurze Ein­füh­rung und Erläu­te­rung […]

  3. Marlen sagt:

    Also ich “ benutze Steampunk “ um mich künstlerisch(geistig) voll zu entfalten und auch da ist alles möglich….wirklich nichts ist unmöglich ! Papier, Karton, Kleidung, Gegenstände aller Art, ob aus Glas, Metall, Holz usw…….usw. unerschöpflich !

3 Trackbacks

  1. Von Steampunk? Gaslicht? am 3. Juli 2012 um 15:24 Uhr veröffentlicht

    […] Besu­chern die­ser Seite geläu­fig sein, es sei aller­dings noch ein­mal auf meine kurze Ein­füh­rung und Erläu­te­rung […]

  2. Von Faszination Dampfkraft: Was ist Steampunk? | Nina C. Hasse am 2. Oktober 2013 um 18:09 Uhr veröffentlicht

    […] * Die Steampunk-Chroniken […]

  3. Von Was ist Steampunk | Kreativ-Höhle am 29. Juni 2014 um 18:16 Uhr veröffentlicht

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