40 Pfennig
Numero 3720
Ausgabe vom Mittwoch, den 28. Juli 2021

Leseprobe: »Die Jagd nach dem Kometentier« von Sean O’Connell

Von Professor Xanathon

Füllt die Segel mit Sonnenwind, volle Fahrt voraus!« Die HMS Pequod glitt aus den letzten Atmosphäreschichten in die finstere Dunkelheit des Alls. Ein lautes Ein- und Ausatmen erfüllte den Schiffsrumpf, als wäre er ein lebendiges Wesen. Die Pumpen im Maschinenraum waren wie riesige Lungen, gigantische Blasebalge. Sie saugten den sie nun umgebenden Æther in großen Mengen ein und verwandelten ihn beim Ausatmen in Sauerstoff. Eine frische Brise streifte ihre Gesichter. »Hart am Wind bleiben!« – »Aye, aye!«

Die Sonne kam in Sicht. Ein gigantischer, feuriger Ball im glitzernden Feld der Sterne. Krakenarmige Protuberanzen griffen hinaus in den Æther, verglühten im Dunkel. Leuchtende Bögen gleißenden Lichts brannten sich scheinbar für immer in die Netzhäute der Offiziere und Matrosen.

»Kurs nehmen. Vor den Wind drehen!« – »Aye, aye!« Die Sonne glitt davon, kippte einfach nach Backbord weg. Das Schiff ächzte und stöhnte unter dem Kurswechsel, aber es war in Wirklichkeit nur das Geräusch des Sonnenwindes, der auf die blasenartige Ætherhülle prasselte.

Kurz darauf zeigte der Bugspriet auf das bleiche Gesicht von Enceladus, den fahlen Mond des Saturns, der – für das Auge noch unsichtbar – in den Tiefen des Alls auf sie wartete. Der Rendezvouspunkt für ihre Rückkehr.
Die Sonnensegel bauschten sich hoch über den Köpfen der Männer. Bram- und Marssegel am Großmast füllten sich mit Sonnenwind. Einige Matrosen enterten freudig auf, krochen in die Krähennester an Fock-, Groß- und Kreuzmast und begannen mit der Observation von herumirrenden Asteroiden, Meteoriten und anderen Himmelskörpern. Jeder Mann der HMS Pequod, der nicht im Inneren des Schiffs seinen Dienst verrichtete, stand an Deck und sah hinauf zu dem silbernen Flies der Segel, das in diesem Moment wie ein goldenes Feuer im Licht der Sonne flackerte. Einige der Männer meldeten sich kurz von ihren Posten ab, um nach Achtern zu eilen, einen letzten Blick auf den blauen Planeten zu erhaschen.
»Kurs angelegt, Sir!«, rief Commander Binky. »Die Jagd kann beginnen.«
Der Kapitän nickte. »Ein historischer Tag, Edward.«
»Ja, Sir. Waidmannsheil, möchte ich sagen!«
Der Kapitän lächelte. »Waidmannsdank, Edward! Ich bin zuversichtlich, dass wir noch vor Weihnachten das Kometentier erlegt haben und zurück in England sein werden.«
Binky nickte. Er summte leise vor sich hin und wippte mit den Füßen.
»Sie lieben die Ætherfahrt, nicht wahr, Edward?«
»Ja, Sir. Ich bin an der Küste geboren. Schon als Kind liebte ich es, den auf den Wellen dahin gleitenden Schiffen zuzusehen. Aber hier zwischen den Sternen ist es noch viel schöner als auf dem Meer, Sir.«
Die HMS Pequod nahm endgültig Fahrt auf, brachte die Besatzung fort von der Erde, ihrer alten Heimat, und führte sie hinaus an neue, unbekannte Orte.

Während der Mars einige Tage später in Reichweite kam, war es fünf Glasen der Mittelwache als Vollmatrose Willy Smith vom Oberdeck den Niedergang hinunter stürmte und erst inne hielt, als er die Kajüte des Kapitäns erreichte. Er klopfte laut und vernehmlich. »Sir, Sir, wachen Sie auf, es ist soweit! Phobos und Deimos sind jetzt Backbord!«
Der Kapitän trat Augen reibend auf den Gang, zog mit tapsenden Bewegungen feste Plünnen an und folgte dem Matrosen an Deck.

Leewärts lag jetzt der Mars, eine blutig rote, riesige Kugel. Sein Licht ließ das Deck rötlich erglühen. Der eiförmige Körper von Phobos, einem der beiden Monde, schob sich kurz darauf bedenklich nah vor die HMS Pequod. Deimos, der kleinere Trabant, befand sich noch weitgehend im Rücken des Roten Planeten, aber es würde vermutlich nicht mehr lange dauern, bis auch er ganz sichtbar werden würde. Die Mars-Trojaner, Asteroiden auf einer stabilen Umlaufbahn an den Lagrange-Punkten L4 und L5, blitzten im schwachen Licht der geschrumpften Sonne.
Welch ein außergewöhnlicher Anblick, dachte der Kapitän.
Der Zweite Steuermann, Christopher Pine, rief vom Poopdeck zu ihnen hinunter. »Sir, wir werden über Ætherfunk gerufen! Die MS Utopia Planitia entbietet ihre Grüße. Sie haben von unserer Jagd auf das Kometentier gehört und wollen sich uns anschließen.«
»Aye! Das konnte wohl nicht ausbleiben«, erwiderte der Kapitän missmutig. »Aber wir werden es ihnen nicht leicht machen! Wecken Sie die Matrosen und die Offiziere der Morgenwache, lassen sie alle Segel setzen! Das Rennen ist noch nicht entschieden, und wir haben bereits einen Vorsprung. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht ein brauchbares Startfenster bekommen und das Kometentier vor diesen hochnäsigen Kolonisten fangen würden! Schicken sie Männer hinunter in die Last, man soll eine Extraportion Rum an Deck bringen – als Belohnung, wenn es uns gelingt, der Utopia Planitia davonzusegeln!« Er lachte. »Alle Mann in die Wanten!« – »Aye, aye, Kapitän!«

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Ein Kommentar

  1. Andreas sagt:

    Herrlich zu lesen. Bin schon gespannt was ein Kometentier ist.

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