40 Pfennig
Numero 3617
Ausgabe vom Freitag, den 16. April 2021

Leseprobe: »Lillys Zukunft« von Andreas Dresen

Von Professor Xanathon

Du gehörst mir!« Eugene strich Lilly durch das kurze blonde Haar, bevor er sie fest im Nacken packte und zu sich zog. Sein Gesicht kam so nah, dass Lilly die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn sehen konnte. »Vergiss das nicht. Du bist mein Eigentum. Also hast du deinen Beitrag zu leisten, klar?«

»Ja, Eugene.« Lilly hielt seinem Blick kurz stand, dann wollte sie den Kopf abwenden, doch Eugene hielt sie fest. Als sie einander ansahen, hörten sie das Stampfen der Maschinen, das sonst nur als Hintergrundgeräusch wahrnehmbar war, laut und deutlich in der Stille. Auf der untersten Ebene des Raumschiffs Kleine Hoffnung war es feucht und stickig. Die Luft wurde nur unregelmäßig ausgetauscht, da die wenige Energie die übrig geblieben war, für das Kolonistendeck genutzt wurde.

Eugene hatte seine Schiebermütze weit in den Nacken geschoben, so dass sein verschwitztes Haar zum Vorschein kam. Sein fadenscheiniger Anzug und das weiße, kragenlose Hemd waren eigentlich viel zu warm für diese Umgebung, aber Eugene achtete stets auf sein Aussehen. Der erste Eindruck zählt, sagte er immer wieder zu Lilly, und wenn ich jemandem dafür eine blutige Nase schlagen muss.

»Und jetzt mach dich ein bisschen hübsch«, sagte er. »Die Reise geht bald zu Ende und ich habe nicht vor, mit leeren Händen in der Kolonie anzukommen. Das ist unsere große Chance, die werde ich mir nicht vermasseln lassen. Ich würde meinen rechten Arm dafür geben. Dann haben wir ausgesorgt!« Er ließ sie los. Lilly stolperte zurück und strich sich das einfache Kleid glatt. Der Ausschnitt zeigte etwas mehr nackte Haut, als es der aktuellen Mode entsprach. Das sonst übliche Korsett hätte ihrer fülligeren Figur sicher eine schmalere Form verliehen, doch Eugene war es lieber so. Es sprach die Kunden mehr an. Auf der unteren Ebene war man eine direkte Sprache gewohnt.

Trotzig streckte Lilly ihr Kinn nach vorn, so dass ihr zum Bubikopf geschnittenes Haar nach hinten schnellte.

»Es ist noch gar nicht sicher, ob wir überhaupt aufgenommen werden.«

»Eben. Und ich will die Wahrscheinlichkeit, dass wir abgewiesen werden, minimieren.« Er griff in seine Brusttasche und zog ein Bündel grüner Geldscheine heraus. Geschickt fächerte er sie auf und wedelte damit vor Lillys Nase herum. »Also, an die Arbeit.«

* * *

Johann saß ungeduldig auf dem Barhocker und starrte die Tür an, hinter der Eugene vor Minuten verschwunden war. Heiße Wut brodelte in ihm und es fiel ihm schwer sitzen zu bleiben. Am liebsten hätte er noch einen Whiskey getrunken, aber er wusste, dass er ihn nicht vertragen würde. Außerdem wollte er nüchtern sein, jede Minute mit Lilly genießen können, denn die Zeit mit ihr war teuer erkauft und viel zu wenig. Doch das würde sich ändern. Er verachtete Eugene, mit seiner schlechten Haut, seinem rüpelhaften Benehmen und seinem überheblichen Chauvinismus. Doch er war der einzige Weg zu Lilly. Und wenn Johann diesen Weg gehen musste, wollte er auch ihren Beschützer ertragen.

In einer Ecke saß ein betrunkener alter Mann, der auf seinem Banjo spielte und zahnlos versuchte, ein Volkslied zu singen. Die Menschen um ihn herum ignorierten ihn genauso wie sie Johnny ignorierten. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Herren der oberen Decks unten heimlich amüsierten. Sie waren der Geldhahn, an dem hier viele hingen. Eine andere Tür öffnete sich, und eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen verließ mit einem Tablett voller Pfeifen den zweiten Hinterraum. Johnny hasste die Personen, die sich dort hinein begaben. Er hatte gesehen, wie die Menschen sich unter Opium veränderten. Seine Schwester war dem Rauschgift verfallen gewesen – ein unschätzbarer Verlust für die Gemeinschaft. Ihre Bildung war ausgezeichnet, man hatte sie gar als Multiplikator auserwählt. Es war vorgesehen worden, dass sie als Mutter ihre Quote übererfüllen sollte – und so die Stellung der Familie in der Kolonie zu stärken. Doch sie hatte sich lieber umgebracht.

Der Kapitän hatte danach eine Razzia durchführen und die Schlafdroge verbieten lassen. Fast eine halbe Tonne Rohmaterial hatte man gefunden und der Maschine übergeben.

Johann fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ihm würde das nicht passieren.

Er litt unter der entsetzlichen Wärme. Sein Apartment auf dem Kolonistendeck war viel kühler, ein Großteil der Energie, die die Maschine ihnen spendete, kam dem Komfort und dem Leben auf dem Oberdeck zu Gute. Johann fuhr sich mit dem Finger unter den hohen Stehkragen, der durch die schwarze Fliege an seinen Hals gedrückt wurde. Wenn er erst einmal bei Lilly wäre, würde es angenehmer werden.

Heute würde er wagen, dachte er. Jetzt öffnete sich endlich die Türe zu Lillys Raum und Eugene trat heraus. Johann stand auf. Sein Magen fühlte sich flau an. Heute würde er es wagen. »Schnell, noch einen Whiskey«, herrschte er den Barmann an und legte eine Münze auf den Tresen. Bis Eugene bei ihm war, hatte er den billigen Fusel hinunter gestürzt. Dann nahm er seinen Zylinder, setzte ihn auf und griff nach seinem Spazierstock aus dunklem Holz, in dessen Griff ein Elefantenkopf geschnitzt war. Als Johann seine Finger über den Kopf gleiten lies, fühlte er sich wieder sicherer. Er war wie ein Elefant, dachte er oft. Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, würde er gegen alle Widerstände durchführen. Und er hatte einen Plan.

Eugene streckte ihm die Hand entgegen, die Johann ergriff und ihm dabei die Geldscheine übergab, die vereinbart waren.

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