40 Pfennig
Numero 3621
Ausgabe vom Dienstag, den 20. April 2021

Leseprobe: „Befreiungsschlag“ – von Merlin Thomas

Von Professor Xanathon

Zum Steampunk-Chroniken-Sonderband „Geschichten aus dem Æther“, der kurz vor seiner Fertigstellung steht, gibt es an dieser Stelle eine erste Leseprobe. Und wie man feststellen wird, haben es nicht nur die Briten in den Aetherraum geschafft. Ob das gut oder schlecht ist, das ist eine ganz andere Frage, die erst bei Erscheinen des Bandes 1.5 abschließend beantwortet werden wird.

Befreiungsschlag

Der Diensthabende schaute auf. Der hektische Rhythmus, in dem die Magnetstiefel durch den Korridor klickten, schwächte seine Aufmerksamkeit für den Versuch, die wöchentliche Lektüre des Clausewitz nicht schleifen zu lassen. Er platzierte das Lesebändchen zwischen den Seiten und spannte das Buch unter eine der Halteleinen seines Schreibtisches.
Seine Erwartung erfüllte sich: der Signalton der Tür erklang. Er zog an dem Hebel, der die Tür in die Wand schwingen ließ. Der Läufer klickte herein und salutierte. »Herr Major, melde gehorsamst: æthertelegraphische Depesche von der Oberfläche erhalten, Herr Major!«
Köpcke streckte den Arm aus, nahm das Klemmbrett und überflog die Depesche. Sie stammte vom Büro des Gouverneurs und veranlasste den Offizier, beim Aufspringen zu vergessen, dass er an seinen Stuhl geschnallt war. Er löste den Gurt und reichte die Nachricht zurück. »Bringen Sie das zum Kommandanten. Zack, zack!«

Der Gefreite salutierte und klickte hinaus. Der Major warf einen Blick auf die Abdeckplatte an der Wand, aber er widerstand der Versuchung, sie erneut abzuschrauben. Köpcke zog den Hebel, der den Gefechtsalarm auslöste. Der Widerstand erschien ihm geringer, jetzt da das Stahlseil, das zum Transæthersender lief, ausgehängt war. In der gesamten Festung erklang das Alarmsignal in dreifacher Wiederholung, riss die Nachtschicht aus ihrem Dämmerzustand und die Übrigen aus ihrem Schlaf.
Major Köpcke verriegelte das Dienstzimmer und folgte dem Korridor nach rechts, wo ihm einige Meter weiter ein Bewaffneter das Doppeltor zur Operationszentrale öffnete. Durch die rückwärtige Kuppel warf er einen Blick auf die Oberfläche hinunter. Ohne eines der Teleskope zu nutzen, konnte er nichts Auffälliges erkennen. Im Vorbeigehen ließ er sich eine Kopie der Depesche geben, dann schnallte er sich auf seinen Platz am Taktiktisch. An der Wand lief eine Uhr seit zwei Minuten und 17 Sekunden. Daneben war eine Reihe von 24 Lampen, von denen ein Drittel nur blass schimmerte.
Bei drei Minuten und neun Sekunden leuchteten alle in kräftigem Grün: Orbitalfestung 9 war gefechtsbereit. Der Major notierte die Zeit im Wachbuch. Nach kurzem Zögern fügte er unbefriedigend hinzu. Die Verfahrensanweisung des Raumkommandos sah eine Zeit von unter drei Minuten vor. Er würde zusätzliche Alarmdrills auf den Plan setzen.
Das Schott zum Korridor öffnete sich und Oberst von Theeste trat ein. Er stampfte auf Köpcke zu. Das auf den Tisch geschleuderte Klemmbrett prallte ab und segelte davon. »Was ist denn das für eine Sauerei, Köpcke? Sozialistenschwänze? Direkt unter meinem Arsch? Denen müssen wir wohl mal auf den Kopf scheißen, was?«
»Sehr wohl, Herr Oberst!«
Der Festungskommandant schnallte sich seinem Wachoffizier gegenüber auf einen Stuhl und schloss die goldenen Knöpfe seiner dunkelblauen Uniform. »Dann sagen Sie Hansen mal Bescheid, dass er da unten durchwischt, wenn die Hanseln von der Bodentruppe das nicht selbst in den Griff bekommen.«
Köpcke winkte eine Ordonnanz herbei. Auf ein gerauntes »Hansen« hin, klickte diese eilig zur Sprechanlage.
»Herr Oberst, ich muss mir erlauben, auf einen kritischen Punkt hinzuweisen. Wir haben derzeit keine Kapazitäten, um Hansens Kompanie auf die Oberfläche zu verbringen.«
Theeste starrte den Major mit zusammengekniffenen Augen an. Köpcke wartete nicht auf die Nachfrage seines Vorgesetzten. Er schlug im Wachbuch nach. »Die Kronprinz Ludwig ist zum Befehlsempfang bei der Admiralität auf Kaiser-Wilhelm-II.-Mond. Köpenick und Brandenburg patrouillieren beim Zaren. Unsere vorgeschobenen Teleskope haben verstärkte Flottenbewegungen gemeldet. Und die Helgoland ist raus, einen Kutter aufzubringen, der lediglich 180 Raummeilen von hier eine Ladung Unrat verklappt hat.« Köpcke deutete mit dem Buch in Richtung des raumwärts gelegenen Observatoriums.
Theeste warf einen Blick hinaus und löste seinen Gurt. »Unrat? Unser letztes Kriegsschiff geht raus, um einen Kutter wegen Verklappung von Unrat zu jagen?« Er wiegte sich in der Hüfte, wie es sich viele Offiziere angewöhnt hatten, die in Schwerkraft dazu neigten, auf und ab zu laufen. »Nun, da danken wir aber ganz artig unserer geliebten Kaiserin für ihre expliziten Befehle zur Reinhaltung des Weltenraums.«
Hauptmann Hansen betrat die Zentrale und nahm neben dem Taktiktisch Haltung an.
»Hansen, gut.« Der Oberst setze sich. »Wissen’s, die Sozialisten haben drunten in Karlstadt eine Räterepublik ausgerufen und sich nahe der Amtskuppel des Gouverneurs verschanzt.«
»Unverschämtheit, Herr Oberst. Erbitte Erlaubnis, die Ratsversammlung aufzulösen, Herr Oberst!«
»Die hätten Se, mein Guter, die hätten Se. Aber leider …« Mit einem Winken übergab er Köpcke das Wort.
»Leider haben wir keine Transportmöglichkeit für deine Jungs, Frieder. Alle Schiffe sind draußen.«
»Sapperlot! Wann werden sie denn zurück erwartet?«
»Durch den Gefechtsalarm wurde ihnen automatisch über Transæther die Rückkehr signalisiert. Die Ludwig müsste …«, Köpcke blickte auf die Uhren und überschlug einige Werte, »… in etwa anderthalb Stunden wieder hier sein. Es sei denn, einer der Herren Admirale fühlt sich bemüßigt, ihren Rückkehrbefehl zu widerrufen Dann müssen wir auf die H’land warten. Allerdings haben wir deren genaue Position nicht.«
Hansen blickte ebenfalls auf die Chronographen. »Hm, da kann ich den Wachtmeister ja noch mal die Spielkarten ausgeben lassen, was?«
»Wer weiß, Frieder. Vielleicht hat die Helgoland ihre Jagd schon beendet. Dann könnte sie jeden Moment hier sein.« Köpcke wandte sich an Theeste. »Wir sollten den Aufständischen nicht mehr Zeit geben sich einzurichten als notwendig, oder Herr Oberst?«
»Richtig Köpcke. Hansen, machen Sie die Jungs schon mal fertig. Eine Stunde auf die Verladung zu warten, fördert sicherlich den Ehrgeiz, den Einsatz schnell zu Ende zu bringen.«
»Zu Befehl, Herr Oberst. Nun ja, wenn es bis zum Einsatzbeginn vor Ort tatsächlich drei Stunden dauert, wird das sicherlich einer der persistierendsten Räte in der Geschichte des Kaiserreichs sein.«
Der Oberst schmunzelte, riss sich aber schnell wieder zusammen. »Aber was für eine Schande, dass das unter meiner Nase geschieht.« Er atmete aus und schüttelte den Kopf. »Hansen, dafür müssen Se umso gründlicher aufräumen, wenn Se verstehen, was ich meine.«
Hauptmann Hansen strich seinen Schnurrbart glatt. »Natürlich, Herr Oberst, mit Vergnügen.« Er salutierte. »Harren wir also der Rückkehr der Helgoland. Ich mache meine Männer marschbereit.«
Die Offiziere am Tisch erwiderten den Gruß, Hansen drehte sich um und klickte zum Schott.
»Frieder?«
Hansen blieb stehen und blickte zurück.
»Pass auf dich auf!«
»Ach Kurt, während die noch einen Antrag auf Abstimmung über Gegenwehr einbringen, sind meine Bajonette schon durch die versammelte Mannschaft durch. Die werden quieken wie die Säue am Schlachttag!« Er tippte sich mit zwei Fingern an die Schläfe und verließ die Zentrale.
»Sagen Se mal, Köpcke, was war das denn? Haben Se Fracksausen vor den Revoluzzerfatzken?«
»Nein, Herr Oberst, selbstverständlich nicht. Ich … « Er zögerte, warf einen Blick über die Schulter auf das bodenseitige Fenster und las einige Instrumente zur Bahnlage der Orbitalfestung ab. »Ich sinniere nur über das, was Sie vorhin gesagt haben, Herr Oberst. Dass wir denen auf den Kopf scheißen sollten.«
»Ja, und?«
»Nun ja, eine Salve 16-Zoll-Granaten sollte einen anständigen Haufen abgeben, Herr Oberst.«
»Herr Major, ist ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass wir keine bodenseitigen Geschütze haben?«
»Selbstredend nicht, Herr Oberst. Doch meiner Einschätzung zu Folge liegt das Ziel lediglich ein paar Grad außerhalb unseres Bestreichungswinkels. Ich vermute, die beiden Schlepper könnten uns mit Hilfe unserer Lagekorrekturmaschinen so weit herumdrücken, dass wir eine Feuerleitlösung für das Ziel bekommen.«
Der Oberst stemmte sich auf dem Tisch auf, so weit sein Gurt das zuließ und kniff die Augen zusammen. »Hm, Se meinen, wir sollten uns umdrehen, um auf die zu schießen? Hm, hm.«
»Ganz genau.«
»Das ist so töricht, das kann gelingen, Köpcke. Wer kommt schon auf die Idee, eine Festung einfach umzudrehen?«
Der Major stand auf. »Ich werde das mit dem Geschützoffizier und dem Leitenden erörtern, Herr Oberst.«
»Tun Se das, Köpcke, tun Se das.« Er schnallte sich ab und klickte Richtung Schott. »Ich vertrete mir so lange die Beine.«

Mehr im Sonderband „Geschichten aus dem Æther“

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Ein Kommentar

  1. tedine sagt:

    Ganz toll! Menschenskind, was kannst du schreiben! (Und ich weiß schon, wie’s ausgeht :)))

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