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Numero 2585
Ausgabe vom Dienstag, den 19. Juni 2018

Leseprobe: “Befreiungsschlag” — von Merlin Thomas

Von Professor Xanathon

Zum Steam­punk-Chro­ni­ken-Son­der­band “Geschich­ten aus dem Æther”, der kurz vor sei­ner Fer­tig­stel­lung steht, gibt es an die­ser Stel­le eine ers­te Lese­pro­be. Und wie man fest­stel­len wird, haben es nicht nur die Bri­ten in den Aet­her­raum geschafft. Ob das gut oder schlecht ist, das ist eine ganz ande­re Fra­ge, die erst bei Erschei­nen des Ban­des 1.5 abschlie­ßend beant­wor­tet wer­den wird.

Befreiungsschlag

Der Dienst­ha­ben­de schau­te auf. Der hek­ti­sche Rhyth­mus, in dem die Magnet­stie­fel durch den Kor­ri­dor klick­ten, schwäch­te sei­ne Auf­merk­sam­keit für den Ver­such, die wöchent­li­che Lek­tü­re des Clau­se­witz nicht schlei­fen zu las­sen. Er plat­zier­te das Lese­bänd­chen zwi­schen den Sei­ten und spann­te das Buch unter eine der Hal­te­lei­nen sei­nes Schreib­ti­sches.
Sei­ne Erwar­tung erfüll­te sich: der Signal­ton der Tür erklang. Er zog an dem Hebel, der die Tür in die Wand schwin­gen ließ. Der Läu­fer klick­te her­ein und salu­tier­te. »Herr Major, mel­de gehor­samst: æther­te­le­gra­phi­sche Depe­sche von der Ober­flä­che erhal­ten, Herr Major!«
Köp­cke streck­te den Arm aus, nahm das Klemm­brett und über­flog die Depe­sche. Sie stamm­te vom Büro des Gou­ver­neurs und ver­an­lass­te den Offi­zier, beim Auf­sprin­gen zu ver­ges­sen, dass er an sei­nen Stuhl geschnallt war. Er lös­te den Gurt und reich­te die Nach­richt zurück. »Brin­gen Sie das zum Kom­man­dan­ten. Zack, zack!«

Der Gefrei­te salu­tier­te und klick­te hin­aus. Der Major warf einen Blick auf die Abdeck­plat­te an der Wand, aber er wider­stand der Ver­su­chung, sie erneut abzu­schrau­ben. Köp­cke zog den Hebel, der den Gefechtsalarm aus­lös­te. Der Wider­stand erschien ihm gerin­ger, jetzt da das Stahl­seil, das zum Tran­sæther­sen­der lief, aus­ge­hängt war. In der gesam­ten Fes­tung erklang das Alarm­si­gnal in drei­fa­cher Wie­der­ho­lung, riss die Nacht­schicht aus ihrem Däm­mer­zu­stand und die Übri­gen aus ihrem Schlaf.
Major Köp­cke ver­rie­gel­te das Dienst­zim­mer und folg­te dem Kor­ri­dor nach rechts, wo ihm eini­ge Meter wei­ter ein Bewaff­ne­ter das Dop­pel­tor zur Ope­ra­ti­ons­zen­tra­le öff­ne­te. Durch die rück­wär­ti­ge Kup­pel warf er einen Blick auf die Ober­flä­che hin­un­ter. Ohne eines der Tele­sko­pe zu nut­zen, konn­te er nichts Auf­fäl­li­ges erken­nen. Im Vor­bei­ge­hen ließ er sich eine Kopie der Depe­sche geben, dann schnall­te er sich auf sei­nen Platz am Tak­tik­tisch. An der Wand lief eine Uhr seit zwei Minu­ten und 17 Sekun­den. Dane­ben war eine Rei­he von 24 Lam­pen, von denen ein Drit­tel nur blass schim­mer­te.
Bei drei Minu­ten und neun Sekun­den leuch­te­ten alle in kräf­ti­gem Grün: Orbi­tal­fes­tung 9 war gefechts­be­reit. Der Major notier­te die Zeit im Wach­buch. Nach kur­zem Zögern füg­te er unbe­frie­di­gend hin­zu. Die Ver­fah­rens­an­wei­sung des Raum­kom­man­dos sah eine Zeit von unter drei Minu­ten vor. Er wür­de zusätz­li­che Alarm­drills auf den Plan set­zen.
Das Schott zum Kor­ri­dor öff­ne­te sich und Oberst von Theeste trat ein. Er stampf­te auf Köp­cke zu. Das auf den Tisch geschleu­der­te Klemm­brett prall­te ab und segel­te davon. »Was ist denn das für eine Saue­rei, Köp­cke? Sozia­lis­ten­schwän­ze? Direkt unter mei­nem Arsch? Denen müs­sen wir wohl mal auf den Kopf schei­ßen, was?«
»Sehr wohl, Herr Oberst!«
Der Fes­tungs­kom­man­dant schnall­te sich sei­nem Wach­of­fi­zier gegen­über auf einen Stuhl und schloss die gol­de­nen Knöp­fe sei­ner dun­kel­blau­en Uni­form. »Dann sagen Sie Han­sen mal Bescheid, dass er da unten durch­wischt, wenn die Han­seln von der Boden­trup­pe das nicht selbst in den Griff bekom­men.«
Köp­cke wink­te eine Ordon­nanz her­bei. Auf ein geraun­tes »Han­sen« hin, klick­te die­se eilig zur Sprech­an­la­ge.
»Herr Oberst, ich muss mir erlau­ben, auf einen kri­ti­schen Punkt hin­zu­wei­sen. Wir haben der­zeit kei­ne Kapa­zi­tä­ten, um Han­sens Kom­pa­nie auf die Ober­flä­che zu ver­brin­gen.«
Theeste starr­te den Major mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen an. Köp­cke war­te­te nicht auf die Nach­fra­ge sei­nes Vor­ge­setz­ten. Er schlug im Wach­buch nach. »Die Kron­prinz Lud­wig ist zum Befehls­emp­fang bei der Admi­ra­li­tät auf Kaiser-Wilhelm-II.-Mond. Köpe­nick und Bran­den­burg patrouil­lie­ren beim Zaren. Unse­re vor­ge­scho­be­nen Tele­sko­pe haben ver­stärk­te Flot­ten­be­we­gun­gen gemel­det. Und die Hel­go­land ist raus, einen Kut­ter auf­zu­brin­gen, der ledig­lich 180 Raummei­len von hier eine Ladung Unrat ver­klappt hat.« Köp­cke deu­te­te mit dem Buch in Rich­tung des raum­wärts gele­ge­nen Obser­va­to­ri­ums.
Theeste warf einen Blick hin­aus und lös­te sei­nen Gurt. »Unrat? Unser letz­tes Kriegs­schiff geht raus, um einen Kut­ter wegen Ver­klap­pung von Unrat zu jagen?« Er wieg­te sich in der Hüf­te, wie es sich vie­le Offi­zie­re ange­wöhnt hat­ten, die in Schwer­kraft dazu neig­ten, auf und ab zu lau­fen. »Nun, da dan­ken wir aber ganz artig unse­rer gelieb­ten Kai­se­rin für ihre expli­zi­ten Befeh­le zur Rein­hal­tung des Wel­ten­raums.«
Haupt­mann Han­sen betrat die Zen­tra­le und nahm neben dem Tak­tik­tisch Hal­tung an.
»Han­sen, gut.« Der Oberst set­ze sich. »Wissen’s, die Sozia­lis­ten haben drun­ten in Karl­stadt eine Räte­re­pu­blik aus­ge­ru­fen und sich nahe der Amts­kup­pel des Gou­ver­neurs ver­schanzt.«
»Unver­schämt­heit, Herr Oberst. Erbit­te Erlaub­nis, die Rats­ver­samm­lung auf­zu­lö­sen, Herr Oberst!«
»Die hät­ten Se, mein Guter, die hät­ten Se. Aber lei­der …« Mit einem Win­ken über­gab er Köp­cke das Wort.
»Lei­der haben wir kei­ne Trans­port­mög­lich­keit für dei­ne Jungs, Frie­der. Alle Schif­fe sind drau­ßen.«
»Sap­per­lot! Wann wer­den sie denn zurück erwar­tet?«
»Durch den Gefechtsalarm wur­de ihnen auto­ma­tisch über Tran­sæther die Rück­kehr signa­li­siert. Die Lud­wig müss­te …«, Köp­cke blick­te auf die Uhren und über­schlug eini­ge Wer­te, »… in etwa andert­halb Stun­den wie­der hier sein. Es sei denn, einer der Her­ren Admi­ra­le fühlt sich bemü­ßigt, ihren Rück­kehr­be­fehl zu wider­ru­fen Dann müs­sen wir auf die H’land war­ten. Aller­dings haben wir deren genaue Posi­ti­on nicht.«
Han­sen blick­te eben­falls auf die Chro­no­gra­phen. »Hm, da kann ich den Wacht­meis­ter ja noch mal die Spiel­kar­ten aus­ge­ben las­sen, was?«
»Wer weiß, Frie­der. Viel­leicht hat die Hel­go­land ihre Jagd schon been­det. Dann könn­te sie jeden Moment hier sein.« Köp­cke wand­te sich an Theeste. »Wir soll­ten den Auf­stän­di­schen nicht mehr Zeit geben sich ein­zu­rich­ten als not­wen­dig, oder Herr Oberst?«
»Rich­tig Köp­cke. Han­sen, machen Sie die Jungs schon mal fer­tig. Eine Stun­de auf die Ver­la­dung zu war­ten, för­dert sicher­lich den Ehr­geiz, den Ein­satz schnell zu Ende zu brin­gen.«
»Zu Befehl, Herr Oberst. Nun ja, wenn es bis zum Ein­satz­be­ginn vor Ort tat­säch­lich drei Stun­den dau­ert, wird das sicher­lich einer der per­sis­tie­rends­ten Räte in der Geschich­te des Kai­ser­reichs sein.«
Der Oberst schmun­zel­te, riss sich aber schnell wie­der zusam­men. »Aber was für eine Schan­de, dass das unter mei­ner Nase geschieht.« Er atme­te aus und schüt­tel­te den Kopf. »Han­sen, dafür müs­sen Se umso gründ­li­cher auf­räu­men, wenn Se ver­ste­hen, was ich mei­ne.«
Haupt­mann Han­sen strich sei­nen Schnurr­bart glatt. »Natür­lich, Herr Oberst, mit Ver­gnü­gen.« Er salu­tier­te. »Har­ren wir also der Rück­kehr der Hel­go­land. Ich mache mei­ne Män­ner marsch­be­reit.«
Die Offi­zie­re am Tisch erwi­der­ten den Gruß, Han­sen dreh­te sich um und klick­te zum Schott.
»Frie­der?«
Han­sen blieb ste­hen und blick­te zurück.
»Pass auf dich auf!«
»Ach Kurt, wäh­rend die noch einen Antrag auf Abstim­mung über Gegen­wehr ein­brin­gen, sind mei­ne Bajo­net­te schon durch die ver­sam­mel­te Mann­schaft durch. Die wer­den quie­ken wie die Säue am Schlacht­tag!« Er tipp­te sich mit zwei Fin­gern an die Schlä­fe und ver­ließ die Zen­tra­le.
»Sagen Se mal, Köp­cke, was war das denn? Haben Se Fracksau­sen vor den Revo­luz­zer­f­atz­ken?«
»Nein, Herr Oberst, selbst­ver­ständ­lich nicht. Ich … « Er zöger­te, warf einen Blick über die Schul­ter auf das boden­sei­ti­ge Fens­ter und las eini­ge Instru­men­te zur Bahn­la­ge der Orbi­tal­fes­tung ab. »Ich sin­nie­re nur über das, was Sie vor­hin gesagt haben, Herr Oberst. Dass wir denen auf den Kopf schei­ßen soll­ten.«
»Ja, und?«
»Nun ja, eine Sal­ve 16-Zoll-Gra­na­ten soll­te einen anstän­di­gen Hau­fen abge­ben, Herr Oberst.«
»Herr Major, ist ihrer Auf­merk­sam­keit ent­gan­gen, dass wir kei­ne boden­sei­ti­gen Geschüt­ze haben?«
»Selbst­re­dend nicht, Herr Oberst. Doch mei­ner Ein­schät­zung zu Fol­ge liegt das Ziel ledig­lich ein paar Grad außer­halb unse­res Bestrei­chungs­win­kels. Ich ver­mu­te, die bei­den Schlep­per könn­ten uns mit Hil­fe unse­rer Lage­kor­rek­tur­ma­schi­nen so weit her­um­drü­cken, dass wir eine Feu­er­leit­lö­sung für das Ziel bekom­men.«
Der Oberst stemm­te sich auf dem Tisch auf, so weit sein Gurt das zuließ und kniff die Augen zusam­men. »Hm, Se mei­nen, wir soll­ten uns umdre­hen, um auf die zu schie­ßen? Hm, hm.«
»Ganz genau.«
»Das ist so töricht, das kann gelin­gen, Köp­cke. Wer kommt schon auf die Idee, eine Fes­tung ein­fach umzu­dre­hen?«
Der Major stand auf. »Ich wer­de das mit dem Geschüt­z­of­fi­zier und dem Lei­ten­den erör­tern, Herr Oberst.«
»Tun Se das, Köp­cke, tun Se das.« Er schnall­te sich ab und klick­te Rich­tung Schott. »Ich ver­tre­te mir so lan­ge die Bei­ne.«

Mehr im Son­der­band “Geschich­ten aus dem Æther”

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Ein Kommentar

  1. tedine sagt:

    Ganz toll! Men­schens­kind, was kannst du schrei­ben! (Und ich weiß schon, wie’s aus­geht :)))

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